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Gedankenkultur

Danke, lieber Pulli! Aufräumen mit Marie Kondo

Werbung, unbezahlt.

Netflix kennt mich. Oder denkt mich zu kennen. Anhand meines Profils schlägt mir das große rote N Dinge vor, die mir gefallen könnten. Oder was der neueste Hype ist. Manche Dinge lassen mich dann eher stirnrunzelnd fragen, wie Netflix darauf kommt, dass mir das gefallen könnte. Andere Vorschläge dagegen machen mich wirklich neugierig. So geschehen bei der Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“.

Marie Kondo, Marie Kondo. Hatte ich den Namen nicht schon mal gehört oder gelesen? Hatte ich tatsächlich. Nach Prüfung meines Amazon-Wunschzettel: Jap, da ist ein Buch von ihr auf meiner Wunschliste: „Magic Cleaning – wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“. Darauf bin ich beim Stöbern gestoßen. Ich hatte den Inhalt überflogen, die Bewertungen gelesen und es erstmal auf der Liste geparkt, damit es nicht in Vergessenheit gerät für – ihr wisst schon – eines meiner Ziel für 2019: Mehr Ordnung und Nachhaltigkeit.

Als dann kürzlich diese Serie auf meiner Startseite auftauchte, kamen mir vier Gedanken, an die ich mich erinnere (vielleicht gab es nach einem langen Tag auch einfach gar nicht mehr):

  • 1. Gedanke: Als hätte Netflix gewusst, dass ich gerade meine Wohnung Raum für Raum aufräume. Kann das Zufall sein?
  • 2. Gedanke: Ist das wirklich etwas, was ich mir in meinen wohlverdienten Feierabend anschauen möchte? Eine Serie über´s Aufräumen?
  • 3. Gedanke: Marie Kondo sieht ja aus wie eine Elfe! Wie alt mag sie sein? 13, 23, 33, 43?
  • 4. Gedanke: Bevor ich jetzt wieder Gossip Girl gucke, kann ich ja mal reinspinksen. Vielleicht kann ich ja noch was lernen, was ich in meiner Neugestaltungsmood berücksichtigen könnte

Wer ist Marie Kondo?

Die japanische Bestsellerautorin Marie Kondo hilft in ihrer Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ US-amerikanischen Familien und Paaren,  ihr Haus oder ihre Wohnung nach ihrer eigens konzipierten Methode „KonMari“ (eine Wortschöpfung aus ihrem Vor- und Nachnamen) aufzuräumen. Und bestenfalls die neu gewonnene Ordnung auch zu halten. Und im allerbesten Falle damit auch eine gewisse emotionale Ordnung zu schaffen. Mit ihrer ruhigen, fast schon meditativen Art erklärt sie in Einzelszenen bestimmte Elemente ihrer Methode und beschreibt den Einfluss von Ordnung auf die menschliche Seele. Etwas Feng-shui-eskes schwingt da zwangsläufig immer mit. Oder eher Fusui-eskes (Fusui ist das japanische Äquivalent zu Feng shui).

So werden in jeder Folge die Haushalte der Menschen auf links gezogen. Eins vorweg: Ich dachte schon, ich habe viel Zeug, aber – ohne zu spoilern – das ist nichts im Vergleich zu dem, was in der Serie manche Leute in ihren Häusern alles zu stehen haben. Das ist schon faszinierend – und manchmal auch ein bisschen erschreckend, wenn es überhand nimmt. Wie immer und überall: Es kommt auf die Balance an. Wenn alles im Rahmen bleibt, muss keiner Angst haben, eines Tages als Messie in seinem eigenen Kram unterzugehen. Wir müssen uns „einfach nur“ (schon klar, das ist alles andere als einfach, kenne ich) beobachten und selbst kennen lernen, um zu verstehen, wieso wir was wie machen. Und wenn wir das nicht mehr können und uns das belastet, überlegen, wie wir vorgehen können. Vielleicht hilft Aufräumen mit Marie. In jeder Folge, die ich bisher geschaut habe, kam irgendwann die obligatorische Frage der Hausdamen und Hausherren an Marie, die auch mir immer mal durch den Kopf ging: „Ist es bei dir denn auch mal unordentlich? Wahrscheinlich nie, oder?“ Marie: „Doch, klar. Wenn ich müde bin, gehe ich schlafen. Dann ist es auch bei mir mal unordentlich.“ Zen-Lächeln. Na, ich weiß nicht, ob ich ihr glauben soll, aber irgendwie mag ich sie.

Die KonMari-Methode – Kategorien & Schritte

Die KonMari-Methode unterteilt alle Dinge im Haus oder der Wohnung in fünf Kategorien:

  1. Kleidung, Taschen und Schuhe
  2. Bücher
  3. Unterlagen und Dokumente
  4. Kleinkram (hat jemand „Krempelschublade“ gesagt?)
  5. Erinnerungen

Das sind auch die Kategorien, nach denen aufgeräumt wird – es wird nicht Raum für Raum, sondern Kategorie für Kategorie vorgegangen! Die Einteilung in die Kategorien an sich finde ich sinnvoll. Bei mir befindet sich jede Kategorie ohnehin in einem eigenen Raum, bis auf Kleinkram und Erinnerungen, die finden sich natürlich überall. Soweit so klar. Dann kann es losgehen! Es gibt drei Stufen, in denen der Aufräumprozess stattfindet.

1. Schritt: Alles auf einen Haufen!

Ja, richtig. Alles auf einen Haufen. Egal, ob Fotos oder Kleider oder Bücher. Alles auf einen Haufen, damit wir sehen, wieviel wir tatsächlich haben. Bei Kleidung mache ich das tatsächlich schon immer, allein schon deshalb, weil das Bett doch dafür prädestiniert sind – zudem möchte ich meist eh alles nochmal ordentlich einräumen.

2. Schritt: Sparkling Joy oder die Frage: Macht mich das glücklich?

Nach Maries Methode nehmen wir nun jedes Stück in die Hand und fragen uns: Bringt mir das Stück Freude? Im Original: „Does it spark joy?“ Macht es mich glücklich? Gibt es mir ein positives Gefühl? Wenn „ja“, darf es bleiben. Wenn die Antwort „nein“ ist, dann bedanken wir uns für die Zeit, die es mit uns verbracht hat und geben es weg. Wichtig ist: Jedem Stück wird diese Aufmerksamkeit geschenkt, egal wie klein es ist.

Frage meinerseits an dieser Stelle: Was passiert mit meiner Zahnseide? So richtig joy sparkt die nicht, aber ich behalte sie – ich denke, das ist ok. Medizinisch gesehen.

3. Schritt: Aufbewahren und falten

Alles, was den Joy-Test bestanden hat, wird dann ordentlich wieder weggeräumt, an einen festen Platz, an den es immer wieder nach Nutzung zurückgelegt werden soll. Kleinkram sollte am besten in Ordnungsboxen sortiert werden. Im Idealfall sind diese transparent, damit wir immer sehen, was wir besitzen. Bei Kleidung hat Marie Kondo eine ganz eigene Faltmethode, in dem sie etwa Shirts zu kleinen Rechtecken faltet und diese dann aufstellt, etwa in Kommoden und Boxen.

Mit der kann ich mich nun wahrlich nicht anfreunden. Ich besitze nur Schränke mit Regalen und nur zwei Schubladen. Das werde ich also nicht umsetzen. Faltwäsche wird für mich immer Hausarbeit sein und vermutlich nie den meditativen Status erreichen, den er für Marie hat. Hier sparkt eben kein Joy für mich.

Aufräumen als Trend – ein Symptom unserer Gesellschaft?

Der Aufräumtrend, den Marie Kondo verkörpert, passt ja irgendwie in das Bild unserer Gesellschaft. Selbstoptimierung everywhere. Auch bei den Schlüppis. Bin ich jetzt etwa nicht nur nicht mehr gut genug, wenn ich keine Modelmaße habe oder mich trotz Abwesenheit jener nicht jeden Makel an mir liebe (Stichwort Body Positivity), sondern auch, wenn ich nicht nur ausschließlich Socken besitze, die mir Freude bringen?  Etwas in mir fragt sich dann, ob so eine Serie einfach die logische Konsequenz unserer Zeit ist. Ist das ein Ausdruck der Sehnsucht nach Ordnung,  Beständigkeit, Ruhe? Konzentration auf das Wichtige, das Reale?

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Wie viel Ordnung brauchen wir?

Kommt das Bedürfnis nach Aufräumen aus uns selbst heraus oder denken wir das nur, weil das Thema so allgegenwärtig ist? Es wundert mich nicht, dass uns diese Serie uns jetzt präsentiert wird. Ich habe oft den Eindruck: Je mehr um uns herum passiert, je mehr Chaos um uns herum herrscht, desto mehr Ordnung sehnen wir herbei. Wenn wir das Gefühl haben, nicht mehr das Ganze sehen zu können, bedingt und verstärkt durch Internet, Social Media, 24/7 erreichbar per Smartphone, sehen wir uns dann automatisch nach mehr Ruhe? Oder wollen wir diese zumindest in unserer Wohnung schaffe, wenn es unser Lifestyle schon nicht zulässt? Vielleicht haben wir auch Spaß daran, unsere Wohnung extra minimalistisch zu halten. Als postmaterialistisches Statussymbol, kuratiert bis ins kleinste Detail. Wenig, aber dann richtig geil. Könnte sein, muss aber nicht. Genauso gut brauchen manche von uns vielleicht mehr Chaos, weil es ihre Kreativität fördert oder sie sich erst dann heimelig fühlen.

Wir müssen für uns herausfinden, wieviel Ordnung wir brauchen, um uns frei und unbesorgt zu fühlen sein und wieviel Chaos, um kreativ zu sein und nicht das Gefühl zu haben, in einer sterilen Designausstellung zu leben. Wie wir unsere Wohnung oder unser Haus als unseren Rückzugsort so gestalten, dass sie uns das geben, was wir brauchen. Egal, was das sein mag. Ich bin ein recht ordentlicher Mensch. Aufräumen hat etwas Kathartisches für mich. Ich liebe es, Listen zu schreiben und Pläne zu erstellen. Ich bin definitiv nicht der Typ „kreatives Chaos“, das würde für mich nicht funktionieren. Aber es gibt genug Menschen, die damit ganz fantastisch leben. Gut so!

Was sparkt bei mir Joy?

Im Großem und Ganzen finde ich einige Ansätze von Marie richtig gut. Den eigenen Besitz bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen, zum Beispiel. Ihr manchmal recht esoterischer Ansatz dagegen ist für mich manchmal etwas too much. So begrüßt sie zu Beginn jeder Folge das Haus oder spricht wirklich mit jedem Kleidungsstück und bedankt sich, etwa bei den Schuhen, dass sie sie den ganzen Tag begleitet haben – okaaay. Ich will ihr gar nicht absprechen, dass sie das aus Überzeugung macht und nicht, um ihrer Methode den spirituellen Touch zu geben, der sich ggf. heutzutage noch besser verkauft. Ich finde Spiritualität auch interessant, aber mein Zugang dazu geht nicht so weit, mich mit Häusern zu verbinden.

Was bei mir ebenfalls nicht vorkommen wird: Bücher weggeben. Nein, nein. Das geht irgendwie nicht. Marie würde an diesem Punkt lächelnd, aber mit  leicht nervös zuckendem linken Mundwinkel, zu bedenken geben, dass ich mich wohl zu sehr daran hafte. Ja, kann sein. Aber solange ich noch den Überblick behalte, ist das schon in Ordnung. Jedes Buch ist eben irgendwie bedeutsam für mich. Selbst die, die mir nicht so gut gefallen haben. Es ist ein Buch, ein Text, in den der Autor viel Liebe und Mühe hat einfließen lassen. Ich kann diese Leidenschaft nachfühlen, auch wenn es mich inhaltlich vielleicht nicht anspricht. Aber was dahintersteckt, sparkt Joy für mich. Deswegen darf es bleiben – ausgetrickst!

Ich finde Maries Ansatz gut, meinen Besitz wert zuschätzen und auch den Dingen, die ich weggebe, diese Wertschätzung zukommen zu lassen für die Zeit, die ich sie benutzt habe. Diese Stücke mit einem positiven Gefühl und nicht dem negativen Gedanken „Weg damit, Müll, Nervkram“ aus meinem Leben zu sortieren – das klingt schön. Aber auch so zu verstehen, wie viel wichtiger andere Dinge als Besitz sind. Und wir uns nicht zu sehr an eben jenen Besitz klammern sollten, um am Ende doch irgendwie das Glück zu finden. Am besten in uns selbst und nicht in 150 Paar Schuhen.

Kennt ihr Marie Kondo und ihre Methode des Aufräumens?
Wie findet ihr die Methode, habt ihr sie sogar schon angewendet?
Wie viel Ordnung braucht ihr in eurem Leben? 

Marie Kondo
Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erstauflage: 1. März 2013

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