Gedankenkultur

Die Kontroverse um die guten Vorsätze

Während nun auch die allerletzten Jahresrückblicke verfasst, Berliner gegessen und Fondues zelebriert wurden, kam womöglich still und klein der Gedanke: Ah, neues Jahr – neue Vorsätze? Ab jetzt „von vorne“ starten, ab jetzt alles irgendwie besser, schneller, effizienter, ruhiger, bedachter, *wahlweise weitere Adjektive einfügen* angehen. Und ehe man sich versieht, tadaaa – war 2019 auch schon da.

Und so langsam macht sich das neue Jahr breit. Vielleicht sind mittlerweile einige der guten Vorsätze schon wieder über die Wupper gegangen. Wozu auch das Ganze mit der Selbstgeißelung? Wieso Buße tun, sich Dinge (zumeist vermeintlich böse Lebensmittel oder unschöne Angewohnheiten) verbieten oder einschränken? Stattdessen: Einfach happy sein. Die Momente schätzen. Kein Stress, kein Druck, das Leben genießen, wie es kommt – so wirkte es auf mich zumindest auf vielen Social Media-Kanälen. Es schien, als wäre der Tenor: Lass das mal mit den Vorsätzen. Zuviel Druck und am Ende enttäuscht man sich doch nur wieder selbst. Oder den Partner oder Mama oder den Hund vom Nachbarn. Und dann ist man womöglich
(noch) unglücklich(er als vorher). Wozu sich immer noch weiter selbst optimieren oder sich in der eh schon so herausfordernden heutigen Gesellschaft und Zeit noch mehr stressen mit Vorsätzen, Plänen, Zielen? Pläne, Ziele, Vorsätze – all diese Worte wirbeln Jahr um Jahr zwischen den Jahren wild durcheinander – aber was bringt uns wirklich weiter? Wollen wir überhaupt weiter?

Vorsätze und Ziele

Per Definition aus dem Duden ist ein Vorsatz etwas, was sich jemand bewusst, entschlossen vorgenommen hat; feste Absicht; fester Entschluss„. Schlagen wir Ziel auf, so lesen wir: „etwas, worauf jemandes Handeln, Tun o. Ä. ganz bewusst gerichtet ist, was jemand als Sinn und Zweck, angestrebtes Ergebnis seines Handelns, Tuns zu erreichen sucht.

Hört sich ähnlich an, aber allein schon an der Definition selbst wird deutlich, dass ein Ziel konkreter zu sein scheint als ein Vorsatz – oder? Im Zusammenhang mit Neujahr wird das Wort „Vorsatz“ häufiger verwendet als „Ziel“, so scheint es mir. Und in dem gleichen Zusammenhang auch das Wort „scheitern“ eben jener Vorsätze. Ohne die wissenschaftliche Validität
Studien wie dieser selbst geprüft zu haben, kennt das allseits bekannte Scheitern von Neujahrsvorsätzen ja wohl jeder. Aber wieso passiert das so häufig? Zum einen, weil Vorsätze häufig sehr unspezifisch sind: „Ich möchte mehr Sport machen“ – ein guter Vorsatz, aber ziemlich ungenau. Es steckt nichts dahinter, weder ein Zeitraum, noch eine genaue Häufigkeit, noch welche Absicht dahinter steht. Deswegen ist es kein Wunder, dass solche ungenauen, vagen Aussagen schnell in Vergessenheit geraten. Es fehlt die Verbindlichkeit, einem selbst gegenüber.

Glücksmomente und darüber hinaus

Um nochmal vorne anzuknüpfen: Grundsätzlich finde ich die Idee mit „Weniger Stress“ und „Mehr Momente genießen“, etc., gut. Innere Ruhe, Achtsamkeit, Glück im Kleinen, Einfachen finden. Die Momente bemerken, wenn sie da sind, die glücklich machen. Fernab von irgendwelchen Kalendersprüchen. Doch, ja, das sehe ich auch so und möchte ich auch mehr verfolgen. Aber wenn ich etwas Konkretes erreichen will und dabei eben nicht scheitern will, muss ich (da kann ich nur für mich sprechen) anders vorgehen. Dann muss ich in Zielen statt Vorsätzen denken. Dann muss ich diese Ziele für mich klar formulieren und mir überlegen, wieso ich dieses Ziel erreichen möchte und wie ich das in kleinen Etappen planen kann. Ich muss auch eine gewisse Ausdauer und Disziplin an den Tag legen, um das Ziel zu erreichen, um jetzt mal richtig unromantisch zu werden.

Selbstoptimierung aus den falschen Gründen

Ein weiterer Grund, weswegen Vorsätze eben häufig Vorsätze bleiben, nicht zu Zielen werden und damit schnell wieder aus dem Bewusstsein verschwinden: Sie entstehen aus (selbst gemachtem) Druck. Aus einem Gefühl heraus, dass man so, wie man gerade ist, nicht gut genug ist. In einer Gesellschaft, die immer mehr auf Selbstoptimierung und -verbesserung ausgelegt zu sein scheint, verliert man ja sonst den Anschluss – so zumindest das vorherrschende Gefühl, das aufkommen könnte. Somit entstehen diese Vorsätze aus der äußeren Umwelt. Die Motivation, sie zu erreichen, ist daher eher gering und Frust ist vorprogrammiert. Wieso sollte man auch den Vorsatz „Mehr Sport machen“ richtig durchziehen, wenn man selbst nicht so wirklich dahinter steht? Und ihn eigentlich, ganz eigentlich, nur deswegen hat, weil das so ein klassischer Neujahresvorsatz ist?

Wunderkerze Silvester Neujahr Licht

Klare Ziele statt nur seichte Vorsätze

Was sollten wir vielleicht stattdessen machen? Vorsätze zu Zielen umwandeln, die aus unserem eigenen Antrieb heraus kommen, weil sie eine Leidenschaft oder einen Wunsch inne haben. Hieraus entsteht meist das Ziel, uns für uns selbst weiterzuentwickeln. Da sieht die Motivation schon anders aus. Ich kann für mich sagen, dass ich ohne ein konkretes, klar eingegrenztes Ziel weniger motiviert bin. Ziellos sein ist natürlich manchmal auch ganz schön und notwendig, aber so richtig weiter bringt es mich meist nicht. Ich habe die Tage zwischen den Tagen genutzt, um mich darauf zu konzentrieren, was ich eigentlich nächstes Jahr erreichen möchte. Zu reflektieren, ob der Weg, auf dem ich gerade entlang wandere, in die richtige Richtung geht. Oder ob ich irgendwie zu viel Zeit mit Herumbummeln verplempere. Manchmal zu lange am Wegesrand stehen bleibe und durch die Gegend gucke.

Mein Plan für 2019

Für 2019 habe ich tatsächlich ein paar Sachen Ziele auf dem Zettel, die ich gern umsetzen möchte werde. Ziele setzen und umsetzen sind zwei verschiedene Dinge. Ich kann lange darüber referieren, aber wer ist schon immer straight? Auch ich lerne dazu und muss mich manchmal anders organisieren oder neu ausrichten oder stelle fest: Das passt alles so nicht, haut nicht hin. Also nochmal neu. Oder anders.

#1 Bullet Journal führen

Um das für mich alles mal aufzuschlüsseln, möchte ich ein Bullet Journal anlegen. Alles, was ich dazu brauche, ist ein Notizbuch, ein Stift und einige Grundinhaltsseiten. Den Rest kann jeder nach seinen Bedürfnissen gestalten, so die Idee vom „Erfinder“ Ryder Carrol. Für analog Schreibsüchtige wie mich ist das Konzept mit Stift und Papier ideal, da ich es liebe, damit zu schreiben. Bullet Journals können, je nach Zielsetzung, helfen sich selbst besser zu organisieren, Gewohnheiten zu ändern, Termine einzuhalten, Ziele zu erreichen….die Möglichkeiten sind quasi unbegrenzt. In meinem Fall möchte ich es für mehr Ordnung und Fokus nutzen und mich damit mehr auf das konzentrieren, was für mich und meine Ziele wichtig ist. Dabei zieht sich das durch viele Bereiche: Egal, ob es um Kleiderschrank, Wohnung, Konsumverhalten, Beziehungen oder Verhaltensweisen geht: Mehr Ordnung und Fokus wird für mich ein wichtiger Part in 2019. Hört sich wenig fancy und nicht wirklich hip an, sondern recht spießig. Unsere Zeit bietet so viele Möglichkeiten, soviel Input und Inspiration. Gerade dies führt bei mir zu einem Verlangen nach mehr Ordnung.

#2 Ordnung everywhere machen

Diese Ordnung möchte ich dann auch direkt auch bestimmte Bereiche in der Wohnung übertragen und konsequent aufräumen und ausmisten. Ballast abwerfen, um Platz für das zu schaffen, was ich wirklich brauche. Brauche ich uralte, teils kaputte CDs noch? Brauche ich alle diese alten Schulunterlagen aus der 8. Klasse noch? Wieso halte ich daran fest? All dieser kleine Firlefanz und Tinnef, den man irgendwie nie wegschmeißt, aber man macht 364 Tage im Jahr auch nichts damit. Den einen Tag nimmt man es in die Hand und denkt sich: „Nee, diese Figur kann ich nicht wegwerfen“ oder „dieses PC-Spiel brauche ich noch“ – nein, verschenken, weggeben, wegwerfen! Tabularasa, aber mal richtig, und sich versuchen zu lösen von dem Gedanken, dass man es ja nochmal gebrauchen könnte. Auch wenn das in den letzten fünf Jahren nie der Fall war.

#3 Tough Mudder laufen

Ein sportliches Ziel ist die Teilnahme (und der Abschluss ohne vorherigen Einsatz der Rettungshelfer) des Hindernislaufs Tough Mudder. Sportlich bin ich in einer ganz guten Ausgangslage, aber 14 – 16 km Hindernislauf ist sicherlich etwas, was ohne Training haarig wird. Daher werde ich mir dazu in Kürze einen Trainingsplan zulegen. Auch meine Ernährung möchte ich wieder strukturierter gestalten. In den letzten Wochen basierte diese, durch Urlaub und die Feiertage bedingt, nämlich zu sehr auf Kekse, Kuchen und anderen Köstlichkeiten aus dem zucker- und fettlastigen Bereich. Ich bin niemand, der Lebensmittel in gut oder schlecht unterteilt, mir ist die Balance wichtig. Und die war in letzter Zeit nicht gegeben, was aber auch ok ist für diese besondere Zeit.

#4 Yoga in den Alltag einbauen

Auch möchte ich wieder mehr Yoga machen. Es hat mir immer gut getan, wenn ich es praktiziert habe. Für mich ist Yoga die Brücke zwischen meinen sportlichen und mentalen Zielen der Konzentration auf das Wesentliche. Hier war ich letztes Jahr nämlich zu wenig verbindlich mir gegenüber. Und/oder vielleicht war mein „Warum“ auch nicht stark genug. Jedenfalls habe ich weniger Yoga gemacht, als ich mir vorgenommen hatte (ah! nur vorgenommen…). „Mehr Yoga machen“ als Ziel ist eben ziemlich ungenau und wird sicherlich bei mir keine Motivation hervorbringen. „Einmal die Woche mind. 15 Min. Yoga machen“ schon eher. Das ist etwas, was ich dann auf jeden Fall in meinen Alltag und mein Bullet Journal mit aufnehmen werde.

#5 Neue Orte kennen lernen

Auch 2019 möchte ich wieder neue Orte kennen lernen, andere Menschen, andere Kulturen, andere Denk- und Lebensweisen. Wohin es mich verschlägt, weiß ich noch nicht, aber die Welt bietet noch soviel und wieder ein kleines Stückchen mehr von ihr möchte ich 2019 sehen.

Jetzt heißt es: Machen!

Ich denke, das reicht für den Anfang erstmal. Sonst tappe ich in die nächste Falle und nehme mir zuviel vor, was dann auch ein Scheitern wahrscheinlicher macht. Eins nach dem Anderen. Ich muss mir eben überlegen: Was sind meine Prioritäten, was ist mir wichtig? Allein die regelmäßige Nutzung des Bullet Journals wird sicherlich einen sehr großen Teil, wenn nicht den größten, meiner Ziele einnehmen. Allein die Erstellung und das tägliche Schreiben selbst ist schon ein Ziel, aber es gleichzeitig wird es auch mein Tool sein wird, um die anderen Ziele zu verfolgen und am besten auch zu erreichen.

Am 07.01.19 kann ich das sicher noch sagen: Frohes neues Jahr!

Wie seht ihr das Thema Neujahrsvorsätze? Habt ihr jedes Jahr welche oder seht ihr das Ganze Thema eher kritisch?

Bild im Text: JHertle via Pixaby

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2 Kommentare

    • Kulturblazer

      Liebe Martina,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Mit der richtigen Disziplin und einem starken Warum wird dies auch gelingen, zumindest bin ich bisher auf einem ganze guten Kurs. Das Foto habe ich Silvester gemacht 🙂

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