Gedankenkirmes Gedanken Riesenrad
Gedankenkultur,  Kultur

Gedankenkirmes, Karussells und Labyrinthe

Ein Spätsommertag, der seinem Namen alle Ehre macht. Es ist so warm, dass ich in sommerlicher Bekleidung auf den See schauen und dabei eine kalte Limo trinken und die Gedanken schweifen lassen kann. Die letzten Sonnenstrahlen aufsaugen für den Winter, der bevorsteht. Wie die kleine Maus Frederick in dem Kinderbuch von Leo Lionni, kennt ihr das? Ich habe es als Kind sehr oft gelesen und für mich ist die Message hinter der Geschichte immer noch so wertvoll.

Worum es in dem Buch geht? Alle Mäuse sammeln den Sommer über Nüsse, Früchte und Samen als Vorrat für den Winter. Währenddessen sitzt die kleine Maus Frederick scheinbar untätig herum und starrt in den Himmel. Auf die Frage der anderen Mäuse, was er denn für die Wintervorratssuche tue, antwortet Frederick: Er sammle Farben, Sonnenstrahlen und Wörter – sehr zum Verdruss der anderen Mäuse, denn Nahrung sei schließlich viel wichtiger. Als der Winter dann hereinbricht und länger dauert als gedacht, sind die Vorräte bald aufgebraucht und die Mäuse frieren. Und dann beginnt Frederick seine Vorräte zu teilen: Die Sonnenstrahlen, Wörter und Farben. Er gibt all das preis, was er den Sommer über gesammelt hat, wärmt die anderen Mäuse damit und vertreibt den trüben, kalten Winter. Und bevor sich die Mäuse versehen, ist der Frühling da.

Frederick Vorraete Farben Sonnenstrahlen
Beltz & Gelberg

Was ich von Frederick über Gedanken lernen kann

Ich versuche mich in besonderen Situationen immer an diese Geschichte zu erinnern, um das Schönste aus den Momenten herauszuholen, um sie ganz aufzusaugen und Energie zu tanken. Nicht zu versuchen, zu viel zu planen und mir Gedanken über To-Do´s-Listen, Pläne und Aufgaben zu machen. Über das, was nächsten Monat, nächste Woche, morgen, was gleich ist oder sein könnte. Das fällt mir nicht immer leicht.

„Ich möchte versuchen, mir nicht mehr immer so viele Gedanken über „Was-wäre-wenn“-Situationen zu machen!“, sage ich bestimmt und versuche, für mich selbst überzeugender und glaubhafter zu klingen, als ich mich gerade fühle. „Nicht mehr zu versuchen, die nächsten 2, 6 ,9 und 25 Jahre im Kopf durchzuspielen und zu planen.“ Ich blicke ihn an. Ich übertreibe gerne bei Vergleichen oder Aufzählungen, aber im Kern steckt die Wahrheit. „Ahaa“, sagt er ironisch, „das ist ja mal was ganz Neues!“ „Ja, man kann das Leben ja eh nicht planen“, sage ich trotzig. Wieder rede ich eigentlich mehr mit mir selbst als mit ihm. Ich bin diejenige, auf die es ankommt.

Buddha knows best

„Ich muss daran arbeiten, Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen.“ „Ja? Ist mir noch nie aufgefallen.“ Die Ironie, die hier mitschwingt, ist physisch fast greifbar. Als ob wir dieses Gespräch nicht schon vorher mal geführt hätten – ich mit ihm oder einem anderen Freund, Freundin oder meiner Familie. Es gibt immer mal wieder einen Auslöser, der dann dafür sorgt, dass ich nachdenklich unterwegs bin.

Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklich-sein ist der Weg, so sagte Buddha. Und so, wie er es sagt, ist es ja eigentlich logisch. Glück erreichen wir von Moment zu Moment, Schritt für Schritt. Auf dem Weg, den wir gehen und wenn wir dann mal inne halten, um zu sehen, was wir alles haben. Die Gedanken an alles, was kommt, was kommen könnte, versuchen, im Zaum zu halten – das ist so etwas, was mich schon länger umtreibt und was ich umsetzen möchte. Das ist durchaus mit Schwierigkeit behaftet, das merke ich. Es gibt Leute, für die ist das Thema „Grübeln“ gar nicht existent oder zumindest nicht so, als dass sie es wirklich als belastend oder nervenraubend wahrnehmen.

Der mentale Jahrmarkt sollte seine Schausteller überdenken

Mir scheint es manchmal, dass ich für das Gedankenkarussell auf meinem mentalen Jahrmarkt eine Dauerkarte abonniert habe. Hypothetische Gespräche in meinem Kopf führen, das kann ich gut. Und meist, das weiß ich selbst auch, kommt es anders, als ich denke. Das kennen wir letzten Endes alle, so ausgelutscht der Spruch eigentlich ist, so wahr ist er eben auch. Jeden Tag ändern sich die Parameter, Optionen und Situationen. Es ist wie in dem Spiel „Das verrückte Labyrinth“: Wir denken, jetzt haben wir den Weg und da kommt jemand, schiebt eine Karte am Ende des Spielfelds die Reihe entlang und alles verschiebt sich, ändert sich. Die Wege müssen neu gewählt werden. Das ist eben das Leben. Sonst wäre es auch langweilig, schon klar.

Der Versuch, alles im Vorhinein zu planen, Optionen A-K durchzugehen, diese in Kombination mit den potentiellen Reaktionsmöglichkeiten der involvierten Personen 1-7 abzugleichen und auch dafür nochmal Handlungswege zu überdenken – das ist ein Gedankenlabyrinth, in dem ich mich von Zeit zu Zeit verlaufe. Mich nervt das schon, weil ich ja – rational gesehen – genau weiß, dass es nichts bringt, wenn ich immer und immer wieder in einer Gondel im Karussell Platz nehme und mich wieder und wieder im Kreis mit den Gedanken drehe, drehen lasse.

Bewusstsein und Reflektion

Ich sage es mal so: Da besteht bei mir Luft nach oben. Aber das lässt sich ändern. Ich denke nämlich schon, dass wir bestimmte Dinge in unserem Denken und Verhalten ändern können, wenn wir uns bewusst reflektieren und es uns selbst wichtig ist. „Ich bin halt so, das ist, wie ich bin.“ Das ist einfach gesagt, weil das (entschuldigend) bedeutet, alles kann so bleiben wie es ist, denn es geht ja gar nicht anders. Manchmal sage ich das selbst auch und das möchte ich ändern. Da ist jeder Mensch mit seinen Erfahrungen und Prägungen anders und hat andere Dinge in seinem Rucksack, das gilt es dabei immer zu berücksichtigen. Ich kann ja hier auch nur für meinen mentalen Jahrmarkt sprechen, aber da soll es in Zukunft weniger Fahrten auf dem Gedankenkarussell geben.

See Spätsommer

Wie sieht eure Meinung zum Thema Gedanken aus?
Denkt ihr oft über die Zukunft nach oder lasst ihr alles auf euch zukommen?
Kennt ihr Gedankenkarussells oder ist das kein Thema für euch?

Frederick
Autor: Leo Lionni
Verlag: Beltz & Gelberg
Erscheinungsjahr: 19. Juli 2016 (Erstauflage: 1967)

Frederick Kinderbuch Leo Lionni

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