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Gedankenkultur,  Textkultur

Intuition

Sie streicht sich mit beiden Händen die Haare hinter die Ohren, schlägt die Augen nieder, blickt langsam nach unten. Sie fragt sich nicht mehr, ob sie unsichtbar ist. Oder ob sie jemand hört. Oder ob sie überhaupt wahrgenommen wird. Sie weiß mittlerweile, dass es nicht so ist.

Früher wurde ihr oft nachgesagt, sie wisse ja gar nicht, was sie will.  Oder es wurde behauptet, man könne ihr nicht trauen. Dann fragte sie sich jedes Mal: „Kennen die Menschen mich überhaupt? Wie können sie das einfach so behaupten? Das ist doch lächerlich! Jeder, der sich mich kennt, sich die Zeit nimmt, sich richtig mit mir zu beschäftigen, mich kennen zu lernen, weiß, dass das nicht der Fall ist.“ Doch die Zeit, in der sie sich darüber noch aufgeregt hat, dagegen angekämpft hat, sich dafür eingesetzt hat, wahrgenommen zu werden, gesehen zu werden, ist vorbei. Die Mühe macht sie sich nicht mehr, denn sie weiß, dass es ohnehin nichts bringt.

Dabei ist sie nach wie vor davon überzeugt, dass sie ganz genau weiß, was sie will. Für sie ist das relativ einfach festzustellen. Wieso tun sich so viele so schwer damit? Eigentlich ist es ganz einfach. Und das konnte sie früher auch recht gut kommunizieren, sie erinnert sich noch daran. Und die Menschen hörten ihr zu, denn sie nahmen sie wahr.

Nur hat sich das im Laufe der Zeit verändert. Es ist, als ob sie ihre Stimme verloren oder ihre Sprache verlernt habe. Es spielt auch eigentlich keine Rolle, denn das Ergebnis ist das Gleiche: Sie schweigt. Sie spricht nicht mehr.  Sprichwörtlich wurde sie zum Schweigen gebracht, von den unterschiedlichsten Dingen: Von der Gesellschaft mit ihren Normen, von dem Umfeld mit seinen Anforderungen oder von sich selbst, mit den eigenen, negativen Glaubenssätzen.

Denn die allerwenigsten möchten unbequeme Wahrheiten hören oder Antworten erhalten, die nicht passen. Denn wenn diese einmal hochgekommen sind, lassen sie sich schließlich viel weniger ignorieren. Sie ist eben niemand, die mit dem Strom schwimmt, die macht oder sagt, was gesellschaftlich konform geht oder von außen hinein sozialisiert wurde, sei es durch Erziehung und Erfahrungen.

Es war ein langsamer, schleichender Prozess, denn so ist es ja in den meisten Fällen. Kaum etwas fährt mit einem großen Knall gegen die Wand, oder? Es passiert doch immer Stück für Stück, Tag für Tag, in kleinen Zeichen und Dingen. In dahingesagten Worten oder Sätzen wird das Problem verneint oder abgetan. Keiner sieht die kleinen Zeichen oder will sie sehen. Die Menschen winken ab:  „Keine Zeit gerade, das kümmere ich mich mal später drum.“

Sie gesteht sich ein, dass sie leider genau in diese Falle getappt ist, vielleicht hat sie selbst die Zeichen nicht soo ernst genommen, wie sie es hätte tun können. Aber was wäre die Alternative gewesen? Lauter werden? Sich noch bemerkbarer machen? Jeder ist für sich selbst verantwortlich und die Menschen tragen auch ihren Teil dazu bei, denn es ist ein Zwischenspiel. Sie sind alle miteinander verbunden. Dieses „Später“, von dem die Menschen immer sagen, dann kümmern sie sich, kommt früher, als sie denken. Dieses „Später“ ist nämlich jetzt. Das ist nämlich am Ende immer die Frage, die bleibt. Sie blickt auf: Ist es schon zu spät? Oder hört noch jemand auf sie?

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12 Comments

  • Elisa

    WOW! Ich bin einfach nur sprachlos, Vanessa! So ein toller und intensiver Post. Deine Worte sind einfach so unglaublich gut gewählt, ich habe richtig Gänsehaut bekommen. Du sprichst ein wichtiges Thema an, denn ich denke es geht vielen Menschen so. Wer verschiebt Dinge nicht mal nach hinten und merkt dann, dass es schon längst zu spät ist …
    Dein Beitrag hat mich wirklich zum Nachdenken angeregt.
    Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag und pass auf dich auf meine Liebe, Elisa xx

    • Kulturblazer

      Hi Elisa,
      ohhhhh, vielen Dank für dein Feedback! Das freut mich total!💓 Ich ertappe mich auch oft beim Aufschieben oder Nicht-Hinhören… Intuition ist nicht immer unkompliziert oder logisch, sie macht, was sie möchte und kommuniziert auch so mit uns, wenn wir sie denn lassen…nur ich habe manchmal das Gefühl, wir verlernen das. Oder mir geht’s zumindest manchmal so 🙂
      Ganz viele Grüße!

  • Tiziana

    Hallo liebe Vanessa,
    was für ein schöner Artikel, der einen auch auf eine angenehme Weise zum Nachdenken anregt. Mir gefällt vor allem deine Schreibweise mal wieder sehr gut. Wie du dieses so schwer zu beschreibende Gefühl in Worte verpackt hast. So eine wirkliche Antwort kann ich dir auf deine Frage zwar nicht geben, aber ich bin schon gespannt, welche Gedanken du als nächstes mit uns teilen wirst 🙂
    Ich wünsche dir einen schönen Montag meine Liebe.

    Tiziana

    • Kulturblazer

      Hi Tiziana,
      hab vielen Dank für deine Feedback dazu, ich freue mich so sehr darüber! Es ist ja eine ganz andere Art, meine Gedanken und Gefühle zu äußern, daher ist es schön zu lesen, dass es dir gefällt – und noch besser ist es, wenn wir uns darüber austauschen können. Jeder sieht die Welt ja etwas anders 🙂
      Ganz viele liebe Grüße!!

  • Wonderful Fifty

    Liebe Vanessa, ich bin ganz begeistert von deinem Beitrag – da hast du ein richtiges Meisterwerk geschaffen. Es ist einerseits aufgrund deiner besonderen Wortwahl ein totaler Genuss es zu lesen, aber andererseits steckt so viel hinter diesen Worten, das zum Nachdenken anregt und uns auch gleich mal etwas aufrüttelt. Vor allem dieses „Später“ ist doch in unserer Gesellschaft sehr geläufig und wird auch von vielen gerne schnell mal hingeworfen, ohne genau hinzuhören oder hinzuschauen, worum es wirklich geht oder ohne sich genauer damit zu befassen. Danke für diese wunderbare Gedankenanregung.
    Hab einen tollen Tag und alles Liebe

    • Kulturblazer

      Meine liebe Gesa,
      wow, danke – da fehlen mir die Worte bei so einem liebevollen Feedback! Es freut mich, dass es dich zum Nachdenken angeregt hat und ich damit nicht allein bin. Ich habe nämlich oft das Gefühl, dass ich lange meine Intuition oft untergeordnet habe und eher anderen, rationaleren Gedanken gefolgt bin…Es ist ein Prozess, das Ganze wieder zu drehen, aber ich glaube, es lohnt sich 🙂
      Viele herzliche Grüße!

    • Kulturblazer

      Hi Krissi,
      ohh, danke! Es ist eben mal ein ganz anderer Text als das, was ich sonst veröffentlicht habe, daher war ich umso gespannter auf euer Feedback :-*
      Liebste Grüße an dich!

  • Sarah

    Liebe Vanessa,
    den Text hast du wirklich toll geschrieben und ich selbst kenne dieses Gefühl auch nur zu gut! Ich freue mich schon in Zukunft mehr solcher texte zu lesen!
    Liebe Grüße
    Sarah

  • Nicole

    Jetzt bin ich auch endlich mal dazu gekommen den Beitrag zu lesen und ich finde ihne super. Ist auf jeden Fall mal was anderes, aber toll geschrieben und sowas darf gerne öfter online gehen ;). Da erkenne ich mich definitiv stellenweise auch wieder. Gerade auch am Anfang, denn viele hatten immer ein total falsches Bild von mir und ich habe von Freundinnen oft den Satz gehört, bevor ich dich kannte, dachte ich du seist total zickig und jetzt merke ich, dass das überhaupt nicht stimmt und man mit dir dazu auch unfassbar viel Spaß hat. Das hat mich auch immer geschockt, weil ich das gar nicht nachvollziehen konnte, wieso sie das denken. Aber über jeden Kursieren ja diese Vorurteile und Stereotypen. Gerade zu Schulzeiten wird man gerne in Schubladen gesteckt und es werden gerne Gerüchte gestreut.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Vanessa,
    „König der Löwen“ war als Kind mein liebster Disney-Film, ich habe den eine zeitlang sogar regelmäßig (glaube jede Woche einmal) geschaut, selbst meine Eltern müssten den also mitsprechen können :D. Ja leider, hätte ich ein Kino im Ort würde ich wohl wesentlich öfter dort eine Film schauen, auch mal welche alleine.

    Spätvorstellungen meide ich aber auch, ich glaube wir waren da einmal in einem Horrorfilm und da war die Fahrt nach Hause dann echt anstregend. Das dann doch einfach zu spät, gerade wenn die Fahrt dann länger ist. Montag oder Dienstag gehe ich aber auch ganz gerne, einfach weil es günstiger ist :D. Als Studentin geht das noch :P, das ändert sich wohl auch wenn ich dann arbeite, dann wäre ich da wohl auch ziemlich müde und müsste mich wach halten.

    • Kulturblazer

      Hi Nicole,
      danke dir für dein Feedback, das weiß ich zu schätzen! Ich denke schon, dass sowas in nächster Zeit häufiger online gehen wird 🙂

      Haha, wie cool, dass du als Kind auch leicht besessen von dem Film warst 🙂 Ich bin auch mal gespannt, wann unser Kino aufmacht, wenn ja jetzt nach und nach unter Auflagen Bereiche wieder geöffnet werden…Studentin müsste man wieder sein! Und vor allem nochmal jung 😀 Wobei das Thema mit Im-Kino-Einschlafen hatte ich mit 21 auch schon, daran kann es also nicht liegen 😀
      Liebe Grüße!

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