30 Konfetti Geburtstag
Gedankenkultur,  Kultur

Ist 30 das neue 20? // Welche Gedanken Älterwerden mit sich bringt

Ich bin 30. Viele meiner Freunde werden 30 oder sind es schon. Wir sind Millenials, Digital Natives, Generation Y – unsere Altersgruppe hat so viele Namen wie Möglichkeiten wie Herausforderungen.

Ich glaube, jeder weiß mittlerweile, was unserer Generation alles zugeschrieben und nicht zugeschrieben wird. Was wir scheinbar wollen und was nicht. Wie wir uns unseren Job vorstellen und wie auf gar keinen Fall. Wie wir leben wollen und was wir erwarten. Die Frage, die sich mir stellt: Kann man eine Generation so über einen Kamm scheren, einfach weil es einfach(er) ist, so ihre Bedürfnisse und Einstellungen zu klassifizieren und kategorisieren?

Ob eine Generation in ihren Lebensentwürfen je so divers unterwegs war wie unsere? Aus oben genannten Gesichtspunkten der Gleichmacherei kann ich das nicht sagen, aber zumindest gibt es viele Unterschiede in meinem näheren und weiteren Umfeld. Während die ersten schon verheiratet sind und Kinder bekommen, wohnen andere in WGs und genießen das Partyleben und Ungebundenheit, andere machen sich selbstständig oder sind es bereits. Ich weiß nicht, ob das bei unserer Elterngeneration auch so war. Vielleicht wirkt es durch Social Media auch einfach nur sehr viel unterschiedlicher, denn wir bekommen vom Leben der anderen viel mehr mit als früher. Fakt ist: Wir sind die letzte Generation, die noch bei Freunden auf dem Festnetztelefon anrief, um zu fragen, ob sie heute spielen können und die erste, die in ihrer Jugend das Internet eroberte. Wenn ich überlege, wie ich früher bei ICQ, SchülerVZ oder MySpace unterwegs war, kann ich nicht glauben, dass das schon um die 17 Jahre her sein soll. Darüber, wie schnell die Zeit verfliegt, habe ich auch in diesem Blogpost geschrieben.

Ist 30 denn jetzt das neue 20?

Wir ziehen uns gegenseitig damit auf, 30 zu werden. Die einen haben noch ein wenig länger Zeit, bei den anderen rückt das Ereignis auf dem digitalen oder analogen Kalender ins Sichtfeld. Es wird überlegt, ob dieser Meilenstein groß gefeiert werden soll oder nicht, ob nur mit Freunden oder auch mit Familie. Mittlerweile ist man ja auch in einem Alter, wo die Eltern nicht mehr nur uncool sind, sondern sich mit den Freund*innen in geselliger Runde über Themen wie Urlaub oder Bücher unterhalten. Wo ich früher zugesehen habe, dass die Erziehungsberechtigten  einen weiten Bogen um meine Partygesellschaft schlagen (wie peinlich wäre das denn bitte gewesen??), ist das heute nicht mehr dramatisch. Ich werde eben älter. Geht es nur mir so?

Wenn ich 30 bin, weiß ich wie der Laden läuft. Alles gut, alles in Tüchern, am besten in trockenen. Das dachte ich, als ich ein Kind war. Und auch noch, als ich ein Teenager war. Jetzt bin ich fast 30 und denke: Naja, so ganz weiß ich es halt doch noch nicht.  Für ein gutes Beispiel können hier nochmal unsere Eltern herhalten. Eltern sind auch nur Menschen. Die wissen tatsächlich nicht immer alles und haben auf alles eine Antwort, das weiß ich mittlerweile. Als Kind aber war für mich klar: Wenn meine Mutter nicht weiter weiß, dann ist es wirklich, wirklich arg. Wenn meine Mutter etwas nicht findet, dann hat es seine materielle Form abgegeben und sich ins Nirwana verabschiedet. Das war so gegeben. Und ich war der Meinung, wenn ich so alt bin oder zumindest diese Linie des Erwachsen-Seins überschritten habe, dann bin ich sicher in allem.

Manchmal sitze ich hier und denke: Nach allen objektiven Gesichtspunkten bin ich sicherlich erwachsen, fühle mich aber nicht immer so. Wenn ich durch das Stadtbild flaniere oder in Situationen gerate, in denen mich Leute Anfang 20 siezen, denke ich mir: „Die jungen Leute siezen dich – bist du jetzt offiziell alt?“ Offenbar ist 30 also doch nicht das neue 20?!

Früher war alles besser anders

Die Kindheit bestand früher aus wichtigen Fragen wie „Wann sind endlich Sommerferien?“ oder „Kannst du heute spielen?“. Aus Freizeitaktivitäten wie mit Freunden im Freibad bei Pommes Frites, Ketchup und Mayo die Sommersonne genießen, den ganzen Nachmittag Fahrrad fahren, stundenlang Musik hören, auf Inliner Streethockey spielen, durch Wäldchen streifen. Ganz beliebt auch: Wenn Häuser neugebaut wurden, auf den Sand-/Dreckbergen daneben zu spielen (kennt das noch irgendwer sonst?). Oder auch: SoleroShots-Eis essen. Manchmal haben wir die kleinen Neonkügelchen wieder ausgespuckt, um Freunde damit zu treffen – zugegeben, im Nachhinein etwas eklig, aber als Kind galt: Spaßfaktor > Hygienefaktor. Siehe auch Thema Dreckberge. Als fitter Teenager bin ich Freitags UND Samstags feiern gewesen und trotzdem ganz gut durch den Sonntag gekommen. Heute brauche ich etwas länger, um mich wieder zu erholen, sei es nach Festivals oder nach langen Partynächten. Tatsächlich möchte ich auch gar nicht mehr jeden Abend am Wochenende feiern gehen.

Heute sind mir ein paar andere Sachen dann tatsächlich wichtiger. Mit Freunden treffen nach wie vor, ganz klar: Aber dann lieber, um bei einem Glas Wein gute Gespräche zu führen (Wein? Vor 10 Jahren hätte ich mein Gesicht verzogen und den Wodka-Lemon leer getrunken). Hochwertigere Freizeit verbringen, weil wir alle davon nicht mehr unbedingt soviel haben wie zu Schulzeiten. Tanzen gehen ist auch mal schön, aber wenn ich die Wahl habe, erfahre ich lieber mehr über die Ziele, Träume und Themen im Leben meiner Freunde, als mich in einem Club über die Musik hinweg anbrüllen zu müssen. 30 Geburtstag Konfetti DekorationWas aber gelegentlich auch lustig sein kann. Als Jugendliche habe ich das Fitnessstudio nur verächtlich belächelt. Oder wie Leute draußen joggen gehen konnten – freiwillig! – war mir ein komplettes Rätsel. Heute verbringe ich das Wochenende tatsächlich genau so lieber: Mit Sport, lesen, schreiben oder Kaffee trinken mit Familie und Freunden. All das scheint mir in der allermeisten Regel reizvoller, als einen Kater zu pflegen. Wie gesagt: Meistens. Auch Katerpflege kann Spaß machen. Nicht im klassischen Sinne, aber er zeugt ja meist von einer guten Feierlichkeit. Und Spaß daran hört ja bis ins hohe Alter nicht auf.

30 ist das, was es ist: 30

Es ist wirklich so, dass ich älter bin, werde und mich auch fühle (in manchen Dingen) und trotzdem noch Spaß habe (an einigen Dingen) wie vor 10 Jahren. Festivals etwa – auch wenn ich nicht mehr zwingend vier Tage in einem Zelt übernachten muss. Freunde treffen. Musik hören. Serien gucken. Ich blicke auf viele Erfahrungen und Geschichten zurück, die mich hierhin gebracht haben und zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Ich freue mich auf das, was kommt und freue mich darauf, 30 zu werden, 30 zu sein, denn es steht noch eine Menge an. Und wir lernen nie aus.

30 ist 30 und das ist eine gute Sache. Eine Bekannte, die bereits auf viel Lebenserfahrung zurückblicken kann, sagt immer: „Alles hat seine Zeit.“ Und sie hat recht und das ist das Gute an der Sache. Und wenn ich doch Lust habe, nochmal auf einen Dreckberg zu klettern, kann ich das auch machen. Weiß irgendwer, wo es SoleroShots zu kaufen gibt?*

Könnt ihr diese Erfahrung teilen?
Welche Ansichten habt ihr dazu?
Wie haben sich eure Prioritäten verändert, wenn sie sich verändert haben?

*Anmerkung der Redaktion: Nach Recherche des Editor-in-chief wird SoleroShots nun als „CalippoShots“ in der Geschmacksrichtung Cola Lemon geführt – einen Versuch ist es wert, der alten Zeiten wegen…

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5 Kommentare

  • Dorie

    Ein toller Beitrag! ich habe noch ein wenig Zeit bis zu den 30, aber bin mittlerweile näher daran als an den 20. Ich hätte nie gedacht, dass mir Älterwerden so schwer fallen würde. Dein Beitrag ist schön und ehrlich und zeigt: Es gibt keinen Grund davor Angst zu haben.
    Und sollten wir uns mal sehen, dann geh ich gerne mit dir auf dem Dreckberg spielen und CalippoShots essen 😀
    Liebe Grüße
    Dorie von http://www.thedorie.com

  • Kulturblazer

    Liebe Dorie,

    danke für deine lieben Worte, das freut mich! Nein, Angst vor der 30 muss man keine haben. Aber wir fühlen vielleicht das erste Mal richtig bewusst, dass die Zeit endlich ist. Denn wo sie früher eben gefühlt noch ohne Ende zur Verfügung stand, so wird halt deutlich tick tack tick tack, sie ist eben nicht unendlich. Und wir sollten sie mit Dingen verbringen, die uns Spaß machen und begeistern.

    Viele Leute ziehen mit 30 das erste Resümee und das kann unter Umständen auch lauten: Oh, ist irgendwie alles nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe, egal ob beruflich, wohntechnisch oder auf die persönlichen Beziehungen gemünzt. Und das macht dann natürlich nicht so wirklich happy, weil man realisiert, das man seine wertvolle Lebenszeit mit Kram verplempert, den man so eigentlich gar nicht machen will. Das ist dann der Punkt, wo wir aus der Komfortzone rausmüssen und was ändern müssen. Losgehen, machen. Die Zeit ist jetzt. Gar nicht einfach, absolut nicht, aber so wichtig, um glücklich zu werden.
    Ganz viele Grüße an dich!

  • Miri

    Toller Post liebe Vanessa!

    Das war ein super schöner Post der wirklich zum Nachdenken angeregt hat. Ich finde es wichtig, Zeit bewusst wahrzunehmen. Ich befinde mich genau in der Mitte zwischen 20 und 30 und merke schon, dass einige Dinge nicht mehr so viel Spaß machen wie mit 20. Aber das müssen sie ja auch gar nicht, denn es gibt eine eigene Zeit für Alles. Prioritäten verschieben sich mit den Jahren und man sollte jedes Alter einfach genießen, anstatt sich zu schnell die Zukunft zu wünschen oder zu sehr in der Vergangenheit zu leben.

    Alles Liebe, Miri
    http://www.meetmiri.com

    • Kulturblazer

      Hi liebe Miri,

      vielen Dank für deine Worte, ich freue mich sehr darüber!Du hast absolut recht, alles hat seine Zeit. Ich habe letztens ein tolles Zitat von Søren Kierkegaard gelesen: „Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muß man es aber vorwärts.“ Das beschreibt es schon gut, oder? 🙂
      Viele Grüße!

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