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Textkultur

Regen im Paradies // Leseprobe

In meiner letzten Kulturkolumne habe ich darüber geschrieben, dass ich an einem Buchprojekt arbeite und euch, wenn ihr Interesse daran hättet, eine Leseprobe zur Verfügung stellen würde. Und euer Feedback dazu war total positiv, worüber ich mich sehr gefreut habe! Ich muss euch sagen, es kostet mich durchaus große Überwindung, die Leseprobe online zu stellen, denn das ist wirklich das allererste Mal, dass ich jemand außerhalb meiner üblichen Komfortzone Teile meines Buches zu lesen gebe. Aber eigentlich, ja tatsächlich, seid ihr genau die Menschen, mit denen ich so etwas teilen möchte. Daher freue ich mich über jeden Hinweis, jede Anmerkung oder Kritik. Keine Sorge, ich kann mit allem umgehen, hihi. Was ihr hier lesen werdet, ist der aktuelle Prolog zu meinem Buchprojekt. Das Buch heißt zwar nicht „Regen im Paradies“, aber der Titel passte so gut zur Leseprobe, dass sie diesen kurzerhand bekommen hat. Also, genug der Worte an dieser Stelle und jetzt viel Spaß mit der Leseprobe 🙂

Prolog

Dort stand sie, vor der wunderschönen, dunklen Teakholzvilla mit traumhaften Blick über die Wälder und gab sich dem prasselnden Regen hin, der gerade eingesetzt hatte. Der Regen hier war so anders als in Deutschland: Voller, duftender, wärmer. Und trotzdem war alles in Evie kalt. Der Tränenstrom, den sie jetzt nicht mehr zurückhalten konnte, mischte sich mit dem Regenguss aus dem verhangenen, grauen Himmel. Die Schluchzer ließen ihre Schultern beben und sie zitterte. Die Erkenntnis, die sich nach und nach in ihren Kopf und dann ihr Herz geschlichen hatte, ließ keinen Platz für etwas anderes als diesen Gedanken: Es war ihre Schuld. Es gab niemanden sonst, den sie dafür verantwortlich machen konnte: Schließlich hatte sie diesen Job bei „Rise & Shine“ angenommen, sie hatte der Reportage über Lio zugestimmt, sie hatte die Reise nach Bali angetreten. All das hatte sie in dem Bewusstsein entschieden, dass es komplett gegen ihre Lebensplanung laufen würde. Aber sie hatte auch nicht damit gerechnet, dass es sich hierbei um mehr als einen Zwischenlösung handeln würde. Dass diese Entscheidungen ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen würde. Und damit alles in Frage stellen würde, von dem sie dachte, das es richtig und wichtig sei.

Mit ihrem Streben nach Sicherheit hatte sie sich in den letzten Jahren ihren eigenen Käfig gebaut und es nicht mal gemerkt. Das war die bitterere Ironie dabei: Was sie stets als Selbstschutz interpretiert hatte, war in Wahrheit ein Gefängnis für ihr Herz und ihre Seele gewesen. All das, woran sie geglaubt hatte, war in den letzten Wochen nach und nach in sich zusammengefallen: Alle Glaubenssätze, alle Vorstellungen über das Leben, wie es sein sollte, wie es sein musste. Wie sie sein musste. All das hatte Lio eingerissen – und war ihr dabei zu nahe gekommen. Und nun wünschte sie sich nichts sehnlicher zurück als die Zeit, in der sie sich vor allen unsicheren Dingen verschlossen hatte. Ja, das Leben war sicher nicht so lebendig gewesen wie in den letzten drei Monaten. Aber es hatte sie zumindest nicht an den Rand der Verzweiflung gebracht, an dem sie sich aktuell befand.

Sie rannte die dicht mit Büschen und Bäumen bewachsene, kleine Steintreppe links an der Villa hinunter und nahm dabei mehrere Stufen auf einmal. Fast wäre sie gestolpert, aber es war ihr egal. Sie wurde nicht langsamer, sondern schneller. Sie musste weg von hier, von der Villa, von den Erinnerungen, von dem Schmerz. Wer zum Teufel hatte ihr bloß weiß machen wollen, dass vor Gefühlen wegzurennen falsch war? Es war doch das Einzige, was half, nicht den Verstand zu verlieren, wenn sie einen drohten, zu übermannen, oder nicht? Wegrennen war immer besser als zu bleiben und zu ertragen, was nicht zu ertragen war.

Evie eilte die Treppe weiter hinunter und bog dann links ab auf den Weg, der zur Hauptstraße führte. Der Schauer wurde immer heftiger. Innerhalb von Minuten war ihr beiges Leinenkleid komplett durchnässt. Der Regen nahm ihr die Sicht. Wütend wischte sie sich die Tropfen aus den Augen und stolperte weiter über den unebenen, sandigen Weg.

Wenn Evie eines wusste, dann, dass sie Lio verloren hatte. Und sich selbst gleich mit, endgültig. Sie hatte damals Tom nicht loslassen können, hatte den Schmerz nicht loslassen können. Die ganze Zeit hatte sie ihn mit sich herum getragen, ihn wie ein Schutzschild vor sich gehalten. All die Jahre war sie gut damit gefahren, denn der Schmerz war ihr vertraut. Aber das hier war eine ganz neue Dimension von Leiden. Evie hätte nicht gedacht, dass ihr nochmal jemand so wehtun könnte. Aber entgegen aller Vernunft hatte sie ihr Herz machen lassen, was es wollte – und das war der Dank dafür. Ihr Verstand hatte geschrien, hatte sie gewarnt, sich dagegen gewehrt, aber sie hatte beschlossen, einmal im Leben auf ihre Intuition zu hören. Jetzt hatte sie erkannt, was für ein Fehler das gewesen ist. Ihre Intuition war keine Verbündete – sie war eine Verräterin. Vielleicht konnte Evie ihr die Schuld an dem Dilemma geben. Was machte schon eine weitere Lüge, die sie sich selbst erzählte.

Die Autorin Rupi Kaur schrieb einmal: “What is stronger than the human heart which shatters over and over and still lives.” Jetzt gerade, in diesem Moment, brach ihr Herz erneut und jetzt gerade glaubte Evie nicht, dass ihr Herz danach weiterleben würde. Nein, sie wusste sogar, dass es das nicht tun würde. Vielleicht gab es Herzen, die das konnten, aber ihres zählte nicht dazu. Manche Herzen waren eben nicht so stark wie andere. Manche Herzen fahren besser damit, wenn sie geschützt werden. Notfalls in einem Käfig. Aber dann blieb zumindest auch der Schmerz ausgesperrt.

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Wie hat euch die Leseprobe gefallen? Habt ihr Tipps oder Anmerkungen? Ich freue mich über jedes konstruktive Feedback!

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16 Comments

  • Wonderful Fifty

    Liebe Vanessa, seit deiner Ankündigung der Leseprobe war ich schon gespannt darauf und freue mich total, sie jetzt vor mir zu haben und ich kann mir deine Aufregung absolut vorstellen, dein „Baby“ in die Welt zu entlassen. Ich denke, das ist wohl so ähnlich, wie den eigenen Blog zu veröffentlichen und dann auf die Reaktion zu waren. Aber gleich mal zur Beruhigung von meiner Seite: erstens hast du einen wunderbaren Schreibstil, der so viel Lust zum Lesen macht, zweitens holt mich der Inhalt deiner Leseprobe gleich so richtig ab und macht neugierig auf den weiteren Verlauf der Handlung und drittens würde ich deine Protagonistin Evie gerade gerne gleich mal tröstend in den Arm nehmen. Ich wünsche dir ganz viel Freude mit der weiteren Arbeit an deinem Buch und freue mich schon, wenn wir das gesamte Ergebnis genießen dürfen.
    Hab einen wunderbaren Tag und alles Liebe Gesa
    P.S.: Ein kleiner Tippfehler , der aber der wunderbaren Geschichte keinen Abbruch tut – „der zur Hauptstraße führte“

    • Kulturblazer

      Liebste Gesa,
      lieben Dank für deinen Hinweis und dein tolles Feedback, das freut mich von Herzen! So ein Buchprojekt ist wirklich unheimlich umfangreich, da braucht es keine anderen Hobbies mehr 😀 Deswegen komme ich momentan nur langsam voran, aber das ist auch ok, denn es soll ja Spaß machen…denn nur dann wird es gut, so hoffe ich 🙂
      Mit solchen positiven Worten fühle ich mich total bestärkt und motiviert! Hab ein wunderschönes Wochenende!

  • Lisa Marie

    Hi Vanessa,
    ich finde es wirklich toll, dass du mit uns eine Leseprobe deines Buches teilst!

    Dein Schreibstil spricht mich sehr an und macht, wie Gesa schon schreibt, definitiv Lust auf mehr!
    Auch wenn ich mir noch nicht zu 100% sicher bin, welches Genre du gewählt hast, denke ich, dass du mit dem (simple ausgedrückt) „Herzschmerz-Problem“ eine Vielzahl von Lesern für dich gewinnen kannst. Ich zumindest kenne einige Menschen, die die Last eines schweren Herzens kaum noch ertragen konnten.

    Ich schreibe zwar momentan nicht oft, aber einen allgemeinen Tipp habe ich trotzdem:
    Wenn ich mit einem Satz oder einem ganzen Absatz total unzufrieden bin, mache ich eine ganz kurze Pause (3 bis 5 Minuten), lösche dann den jeweiligen Satz oder Absatz und versuche den gleichen Inhalt nur mit ganz anderen Worten bzw. Formulierungen wiederzugeben. Das hat mir schon die ein oder andere Krise erspart.

    Ich bin ja ein bisschen neugierig:
    Kannst du tagsüber oder eher gegen Abend bzw. Nacht besser schreiben?
    Mich würde auch interessieren, ob du schon einen Titel für dein Buch hast oder ob du da noch am überlegen bist?

    Liebe Grüße
    Lisa Marie

    • Kulturblazer

      Hi Lisa Marie,
      danke dir 🙂 Jaa, das Genre ist tatsächlich nicht ein klassischer Liebesroman (was natürlich aus dem Prolog gar nicht ersichtlich ist, hihi)…Eine Einordnung finde ich selbst noch schwierig, ich würde es eher unter Entwicklungsroman mit einer Liebesgeschichte dabei beschreiben. Aber das wächst sich noch ein bisschen aus und solange ich noch daran schreibe, belasse ich es erstmal dabei 😀
      Und danke auch für deine Tipps! Solche Situationen hatte ich auch schon und Abstand ist dann vermutlich das einzige, was hilft, um wieder etwas klarer zu werden…
      Ich schreibe am liebsten tagsüber, auch wenn das dann wiederum nur am Wochenende möglich ist, weil ich da sonst keine Zeit habe unter der Woche 🙂 Ich habe einen Arbeitstitel, der noch aus einem eigentlich etwas anderen Schwerpunkt des ersten Buchkonzepts stand, aber einen richtigen Titel habe ich noch nicht. Ich bin der Hoffnung, dass der Titel mich finden wird, wenn die Zeit dafür gekommen ist!
      Liebste Grüße!

      • Lisa Marie

        Hi Vanessa,
        das klingt alles sehr spannend! Und ich denke auch, dass Genre und Titel Bestandteil des gesamten Prozesses sind und sich irgendwann ergeben. 🙂

        Ich wünsche dir noch viel Spaß beim Schreiben! <3

        Liebe Grüße
        Lisa Marie

        • Kulturblazer

          Liebe Lisa Marie,
          ja, das denke ich auch. Ein paar Genre-Einordnungsideen habe ich ja schon, es wird vermutlich ein Mix aus Entwicklungsroman mit romantischen Inhalten 🙂
          Danke dir!
          Liebe Grüße!

  • S.Mirli

    Liebe Vanessa – ENDLICH, ich habe soooo sehnsüchtig auf deine Leseprobe gewartet und du hast mich (was mir ohnedies klar war) nicht enttäuscht. Für mich ist es tatsächlich eine ganz ungewohnte Erfahrung, eine Geschichte aus der dritten Person zu lesen. Meist sind die Romane, die ich lese, aus der eigenen Sicht geschrieben, wobei das noch einmal einen ganz interessanten Blickwinkel bietet. Ich bin soooo gespannt (wie kannst du das nur machen, wie soll ich jetzt warten), wie die Geschichte weitergeht, weil ich weiß jetzt schon, dass ich ein Roman ganz nach meinem Geschmack. Und da ich selbst noch nie nach Bali gereist bin, macht mich die Geschcihte alleine deshalb schon neugierig. Auch wenn ich deine Zerrissenheit wahrschienlich noch am besten nachfühlen kann und ich auch weiß, dass egal was ich sage, es deshalb nicht leichter wird: du brauchst dir überhaupt keine Gedanken machen oder Sorgen, dein Schreibstil ist wunderschön malerisch und ganz leicht und locker zu lesen und es macht eindeutig Laune auf mehr, ALSO: MEEEEEHR bitte!!!!! Ich wünsche dir eine ganz fanastische neue Woche und jetzt hör zum Zittern auf, ich weiß genau, dass du das gerade tust. Alles, alles Liebe, x S.Mirli
    https://www.mirlime.at

    • Kulturblazer

      Liebe Mirli,
      jaaa, eeendlich konnte ich mich überwinden und dein Feedback finde ich einfach sooo toll, danke dir! Das beflügelt sehr! Ich habe auch erst überlegt, welche Position ich nutze, aber so fühlte es sich für mich am natürlichsten an und ich hatte den Eindruck, dass ich Evie und ihre Gedanken, Gefühle und Entwicklung so am besten zeigen kann. Und Bali als Handlungsort musste irgendwie rein, das ging gar nicht anders, wobei nicht der ganze Roman dort spielt. Von Schreiberherz zu Schreiberherz – ich freue mich über deine Worte und ich habe zwar nicht gezittert, aber mein Bauch hat getobt, also kommt auf das Gleich raus und ja, das wurde jetzt besser! Manchmal hat der Tag gar nicht soviele Stunden, wie Dinge, die ich machen möchte, daher habe ich den größten Respekt vor dir, wie du beim Schreiben immer dran bleibst – danke für deinen Input!
      Liebe Grüße!

  • Fabienne

    Wow, Vanessa!!!

    Der Wahnsinn! Finde das so so toll, was du geschrieben hast und vor allen Dingen auch, dass du schreibst! Super schön 🙂

    Gerne mehr davon!

    Liebe Grüße
    Fabi

    • Kulturblazer

      Liebe Fabienne,
      ohhh, danke dir! 🙂 Freut mich, dass es dir gefällt!
      Ich halte euch auf dem Laufenden!
      Hab ein tolles Wochenende!

    • Kulturblazer

      Hey Christine,
      so ein Buch zu schreiben ist echt eine Mammutaufgabe, manchmal frage ich mich, ob ich das nicht besser auf die Rente verschieben sollte, so zeitlich gesehen 😀
      Aber ich bleibe dran und zeige euch gerne immer wieder mal Textschnipsel 🙂
      Liebe Grüße!

  • Elisa

    OMG Vanessa!
    Mir fehlen die Worte, ich bin sprachlos. HAMMER! Das ist das einzige, was mir einfällt. Puh! Da muss ich erstmal durchatmen.
    Wie spannend ist bitte dieser Prolog und wie schön hast du ihn bitte geschrieben?! 😮 Mein Herz hat beim Lesen auch schon gelitten und mitgefühlt mit Eevie und ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht, was es alles mit Tom und Lio auf sich hat und was passiert ist!
    Hoffentlich kriegen wir mehr von deinem Buch zu sehen oder vielleicht lässt du es ja auch binden, ich würde es sofort kaufen!
    Ich kann mir vorstellen, dass dieser Schritt für dich schwierig war, doch du kannst sicherer sein, denn du hast tolle Arbeit geleistet <3

    • Kulturblazer

      Liebste Elisa,
      ohhhhhh, mein kleine Autorinnenherz freut sich gerade so sehr über deine lieben Worte – danke, danke, danke!
      Ich gebe mir Mühe, dass der Rest euch auch so berührt und ja, mein Ziel ist es auch, dass so fertig zu stellen, dass ihr es kaufen könnt 🙂 Werde im April beim Camp NaNoWriMo mitmachen und nochmal ein wenig mehr Zeit investieren 🙂
      Ist doch ein ziemliches Projekt 😀
      Liebe Grüße!

    • Kulturblazer

      Meine liebe Tiziana,
      wir haben uns ja schon gesprochen und auch nochmal hier viiiiiielen Dank für deine ermutigenden Worte, das bedeutet mir total viel!
      Hab einen wunderbaren Start ins Wochenende!

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