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Blazer & Co.,  Trendkultur

Radlershorts // Trendkultur Frühling/Sommer 2019

Werbung unbeauftragt.

Hier sehen wir die Radlerhose in ihrem natürlichen Habitat – beim Radfahren. Eng schmiegt sie sich an das Bein ihrer Trägerin, die eindeutig gerade nicht auf dem Weg zu einer Fashionshow ist. Und doch hat die Radlershorts es genau dorthin mittlerweile geschafft: Auf die Laufstege dieser Welt.

Gibt es einen Begriff, der in der Mode momentan so polarisiert wie Radlershorts? Vielleicht noch Ugly Dad Sneaker/Chunky Sneaker oder Bucket Hat. Fashionwise noch unter dem Synonym Cycling Shorts oder Bicycle Pants getarnt, setzt die Radlerhose nach einem Mikrotrend im Fashionkosmos 2017/2018 nun an, 2019 richtig groß zu werden. Was vorher zaghaft und höchst kritisch beäugt wurde, könnte unser Auge die kommende Saison noch viel häufiger zu sehen bekommen.

Es kommt alles wieder

Flashback. Wir schreiben das Jahr 2002, die Ausläufer der 90er-Jahre. 7. Klasse. Sportunterricht. Turnhalle. Der Dresscode verschiebt sich, die Lager spalten sich. Statt der klassischen Radlershorts, die eine Handbreit über dem Knie endet, schlägt die Modestimmung partiell um: Bei einer Handbreit (oder weniger) unter dem Po ist stofflich gesehen bei vielen Mädels Ende Gelände. Die Sportlehrerin rümpft die Nase. „Muss das so kurz?“ Ja, muss. Augenrollen ihrerseits, die Trillerpfeife schrillt, angerissenen Schaumstoffbälle werden in die pubertierende Menge hineingeworfen – Völkerball-Zeit!

Gehe ich noch weiter zurück in der Zeit, erinnere ich mich an diverse laue Sommerabende, wo meine Garderobe als 9-Jährige beim Inliner fahren oft aus einem Pulli und einer Radlerhose bestand. Der-Lady-Diana-Gedächtnislook lässt grüßen. Meine Mutter war glühender Lady Diana-Fan, also wurde der Look vermutlich zu Hause durchaus unbewusst forciert. Es waren eben die guten, alten 90er.

Lady Diana zur ersten Hochzeit der Radlershorts.
©Getty Images via elle.de

Wie alles begann

Sport war der Kosmos, in dem sich die Existenz der Radlerhose bisher schwerpunkmäßig materialisierte. Egal ob, Rennrad oder Joggen, der natürliche Lebensraum der Radlerhose bewegte sich immer im sportlichen Kontext. Oder dem der Kindheit. Bis 2017 und 2018 die ersten Designershows von Jaquemus oder Chanel zu sehen waren, die die Radlerhose auf den Laufsteg brachten. Und alle so: Hä? Euer Ernst?

Die kleine Schwester der Leggings hat einen genauso zwiespältigen, polarisierenden Ruf, wenn man sich in Fashionkreisen umhört – die einen hassen sie, viele andere lieben sie. Die globalgalaktische Frage nach dem „Warum?“ wird sich häufig gestellt, manchmal durchaus mit einem leicht verzweifelten Unterton. Wer oder was hat die Radlerhose wieder ausgekramt? Kann eine einzelne Person dafür verantwortlich gemacht werden und wenn ja, wie viele?

Dekontexutalisierung par excellence

Etwa Virgil Abloh, Chefdesigner bei Off-White. Er schickte im Herbst 2017 Naomi Camphell mit weißen (!) Radlershorts über den Laufsteg – und wenn sich einer mit Dekontexutalisierung von Mode auskennt, dann er. Selten verstand es ein Designer, Mode aus ihrem ursprünglichen Kontext (hier die Radlerhose aus dem Sportbereich) in den High-End-Fashionbereich zu übertragen – und dafür auch gefeiert zu werden.

Virgil Abloh mit Naomi Camphell
© PR via vogue.de

Abloh ist ein enger Freund und ehemaliger Kreativberater von Kanye West. Der wiederum stattet bekanntermaßen seine Familie und Freunde mit seiner neuesten Kollektionen aus, in denen die Radlerhose auch vertreten war. Daher dauert es folglich nicht lange, bis auch hier die Radlershorts die Runde machte. Kim Kardashian trug sie, gefolgt vom angrenzenden Inner Circle der Modewelt um Kendall Jenner, Gigi Hadid & Co. Die Radlerhose erschien an den unterschiedlichsten Beinen und ihr Siegeszug 2.0 war kaum noch aufzuhalten. Sie fügt sich aber auch einfach zu gut in das Gesamtbild des aktuellen 90er-Jahre-/Athleisure-Trend ein, mit dem Revival der Bauchtaschen, Scrunchies, Sportsonnenbrillen und Chunky Sneaker (sagte jemand gar Buffalos?).

Gigi Hadid im Look der Stunde mit Pumps und Blazer
©Getty Images via elle.de

Trend mit Fallstricken

Zugegeben, das ist ein Trend, der gekonnt gemixt ziemlich fashion forward wirkt, aber sicherlich nicht jedem einfach von der Hand bzw. dem Bein geht. Dennoch konnte ich einige Looks erspähen, die mir als Modefan doch ganz gut gefallen. Beispiele gefällig? Den Look von Lisa Banholzer finde ich sehr schön, denn ich liebe All-Black-Stylings mit einem gewissen Extra (hier den weißen Stiefeletten) und der richtigen Attitude. Auch Masha Sedgwick hat einen tollen Look kreiert (mit Blazern kriegen sie mich immer…selbst bei Radlerhosen).

Das Credo ist klar: Modemutige vor! Das ist kein Trend, der gedankenlos kombiniert werden kann, weil er zu allem passt. Die klassischen sportlichen Begleiterscheinungen wie Sneaker in Kombination mit allzu zu sportlichen T-Shirts sind zu vermeiden, es sei denn man hat keine Probleme damit, dass es so aussieht, als ob man auf dem Weg zum Sport ist. Um somit Fitnessstudio-lastige Assoziationen zu vermeiden, sind Kombinationen mit Blusen und Blazer eine gute Wahl. Gerade der Blazer ermöglicht dann doch noch den Einsatz von T-Shirts oder Sneaker. Mules, Pumps, Sandaletten und selbst Boots, egal ob Schlangenprint oder in der rockigen Variante, machen ebenfalls klar, dass es um Mode geht . Hier ein paar weitere Inspirationen.

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Biking to the office kind of day

Ein Beitrag geteilt von Sophia Roe (@sophiaroe) am

Bei sehr vielen Looks, die ich gesehen habe (nicht empirisch nachprüft!) wurde die Radlerhose am häufigsten mit einem Blazer kombiniert. Das geht mir natürlich gut rein. Die beliebte Kombination könnte darin begründet sein, dass der Blazer jedem Betrachter relativ schnell klar macht, dass das Styling mal so gar nichts mit Sport zu tun hat. So verhilft mein Lieblingskleidungsstück Blazer sogar der Radlerhose zur Tragbarkeit im Alltag – hat jetzt irgendwer noch Zweifel an seiner Fashionmacht? 🙂
Wer lieber ohne Blazer unterwegs sein möchte, kann auch eine Radlerhorts aus Denim wählen, so wie Lisa Hahnbück.

Tatsächlich besitze auch ich zwei Radlerhosen. Sie sind ganz simpel, ganz einfach plain black. Nicht das schlechteste Variante, um ein Styling zu starten, wie wir bei obigen Looks sehen. Ich habe sie vor Jahren aus sportlichen Gründen gekauft. Ich bin nämlich kein Fan davon, wenn beim Kreuzheben meine Gedanken darum kreisen, ob meine Shorts gerade in der Bewegung zu viel preisgeben. Aber hey, wer hätte gedacht, dass ich sie auch mal in einem Look einsetzen könnte, in dessen Nähe sich kein Rennrad oder Laufband befindet?

Mode ist Lebensgefühl und Mindset

Trotz Blazer und allen anderen Vorkehrungen, die man stylingwise trifft, glaube ich, dass es viele geben wird, die den Radlerhosenlook trotzdem nicht ästhetisch finden werden. Das ist ja auch völlig in Ordnung und nachvollziehbar. Ich selbst würde auch keine Chunky Sneaker oder Bucket Hats tragen. Aber genau das macht Mode für mich eben so spannend: Für jeden bedeutet es etwas anderes und jeder drückt sich damit anders aus.

Manchmal wollen wir bewusst ein Zusammengehörigkeitsgefühl transportieren (Stichwort Teamtrikots), an anderen Tagen wollen wir uns bewusst mit exzentrischeren Stylings abgrenzen. Oder uns an anderen Tagen auch mal nicht so viele Gedanken darüber machen. Und ganz am Ende des Tages sollten wir sowieso nur das anziehen, worin wir uns wohlfühlen und was uns Spaß macht. Wir wollen uns nicht verkleiden, sondern ein Lebensgefühl ausdrücken Und wenn wir Bock auf Radlerhose mit Blazer und Pumps haben, dann los! Hauptsache wir feiern uns!

Wie findet ihr den Radlerhosentrend? Habt ihr schon eine Radlerhose im Schrank oder vielleicht ein anderes Teil aus dem 90er-Hype? Oder ist das eine Modeerscheinung, mit der ihr gar nichts anfangen könnt?

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2 Kommentare

  • Wonderful Fifty

    Liebe Vanessa, danke für diesen interessanten Rückblick und Überblick zur Radlerhose. Zurzeit befindet sich dieses Kleidungsstück nicht in meinen Kleiderschrank und ich weiß auch nicht, ob es dort jemals landen wird – aber andererseits sag niemals „nie“, denn die Kombinationen mit dem Blazer sehen ja teilweise wirklich ansprechend aus. Bei der letzten Hochzeit der Radlerhosen war ich jedenfalls dabei und habe sie auch gerne und oft getragen, vor allem, weil sie so bequem und angenehm waren. Wunderbar finde ich bei der Mode, dass wir so viele Wahlmöglichkeiten haben, was uns gefällt, das nehmen wir mit, was uns nicht gefällt, das lassen wir an uns vorbeigehen; jeder kann einfach für sich selbst entscheiden und sich vor allem auch wieder umentscheiden.
    Hab einen wunderbaren Frühlingstag und alles Liebe Gesa
    https://www.wonderfulfifty.at

    • Kulturblazer

      Liebe Gesa,
      ich freue mich, dass dir der Beitrag gefallen hat! Genauso ist es, wir können uns das Beste für uns und unseren Stil rauspicken. Ich bin auch gerne experimentierfreudig und schaue, ob ich Trends, die mich reizen, für mich passend umsetzen kann. Vielleicht gibt es also nochmal irgendwann einen Look mit Radlerhose, wie du ja auch sagst: Sag niemals nie 🙂 Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende !
      Vanessa

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