Mokka Vodka Valium Latte to go bitte Postkarte
Gedankenkultur,  Kultur

Selbstreflektion // Einen Mokka Vodka Latte Valium to go bitte!

Diese Karte habe ich vor Kurzem von einer Freundin geschenkt bekommen. Ich habe mich gefreut, weil ich sie ziemlich witzig fand. Tatsächlich finde ich einige dieser bunten, glitzrigen, überall zu kaufenden Sprüche-Karten recht lustig. Wenn ich sie am Kiosk oder irgendwo im Stadtbild an einem Geschäft in einem dekorativen Ständer aufgereiht sehe, verweile gerne mal dort, um sie zu lesen. Lesen, nicht kaufen, damit fange ich gar nicht erst an.

„Ich bin heute sehr nah am Wodka gebaut“
„Ich habe keine Macken, das sind Special Effects“
„Auf dem Boden der Tatsachen liegt eindeutig zu wenig Glitzer“
„Nett kann ich auch, bringt aber nix.“

Eventuell wurde mir die Karte mit dem letzten Spruch auch schon mal geschenkt – die Message macht mich heute noch betroffen. Wie dem auch sei – Ihr wisst sicher, welche Karten ich meine.

Im zweiten Schritt dachte ich: Ist das ein Grund zur Freude, wenn sie mir so eine Karte mit dem Spruch „Einen Mokka Vodka Latte Valium to go bitte“ schenkt? Was möchte meine Freundin mir damit sagen? Sicherlich ist da keine mehrdeutige, subtile Botschaft versteckt, die sie mir übermitteln will. Sie hat diese Karte gesehen und wahrscheinlich spontan an mich gedacht, weil ich mich schon geleeeegentlich über bestimmte (oder öfter vielleicht auch die gleichen…) Dinge aufrege – das war vermutlich schon alles.

Der Kern der Sache: Selbstreflektion

Aber im Kern steckt doch etwas, das mich zum Nachdenken anregt, denn eventuell vermutlich bestimmt mit Sicherheit könnte mir etwas mehr Zen manchmal gut tun. Ich werfe zwar nicht mit Porzellan um mich oder knalle Türen (ok, manchmal), aber ich könnte durchaus häufiger einen Moment länger inne halten und in Ruhe reflektieren, was hier eigentlich gerade passiert. Stichwort Selbstreflektion.

Buddha Weisheit Leben Glück Selbstreflektion Fokus

Situationen oder Menschen machen dich nicht wütend, du lässt dich wütend machen – der Satz hat was, oder? Letztlich liegt es ja in meiner Verantwortung, wie ich mit Situationen, Menschen, ihren Aussagen und den Gefühlen und Gedanken, die sie bei mir auslösen, umgehe. Wie ich sie bewerte und wie ich sie verarbeite. Die Quelle unserer Gefühlen und Gedanken liegt nämlich nicht, wie wir so oft denken, außerhalb unseres Selbst, sondern IN uns. Das klingt eventuell leicht poetisch, aber ich finde, die Essenz der Sache ist recht logisch: Wir sind verantwortlich für unser Denken und Fühlen. Die Abgabe der Eigenverantwortung für Gefühle und Gedanken wird meines Erachtens auch oft in der Sprache deutlich, die wir so unbedarft nutzen:

Das macht mich wütend. Du machst mich traurig. Person XY regt mich richtig auf.

Irgendwie klingt das ein klitzekleines bisschen nach jammernder Opferrolle, oder? Als ob wir selbst keine Kontrolle über unser Leben haben und wir uns nicht in der Lage sehen, selbst zu bestimmen, was in unserem Gefühls- und Gedankensalat los ist. Es ist natürlich einfacher und weniger anstrengend, die Verantwortung dafür abzugeben bzw. erst gar nicht anzunehmen. Es ist eine bequeme Ausrede, um nicht ins Handeln kommen zu müssen. Wir sind der Situation ja ausgeliefert, wir können nichts machen, es ist alternativlos. Diese negative Kommunikation mit uns selbst ist ätzend. Damit schaffen wir auf Dauer negative Gefühle und machen uns selbst in Gedanken schlecht. Das nagt am Selbstvertrauen.

Willkommen auf der Selbstmitleidsparty – die Selbstreflektion wurde ausgeladen

Im Job und privat sehen wir uns täglich vielen Anforderungen und Erwartungen gegenüber. Diese können manchmal zu einem Gefühl von Stress und Druck führen, allen und allem gerecht werden zu wollen. Diese Stressspirale kann sich so schnell drehen, dass irgendwann eine Lähmung eintritt. Also wird nichts mehr entschieden und nichts mehr gemacht, es ist ja eh nicht zu ändern. Rage Mode On. Und/oder Jammer Mode On. Je nachdem, was gerade das vorherrschende Gefühl ist. Wir verlieren den Fokus und die Orientierung und benötigen daher wieder einen Wegweiser, wie ein Steinmännchen, der uns zeigt, wo der richtige Weg liegt.

Jordanien Wadi Rum Stein Wüste rot

Wir sind alle nur Menschen. Nicht perfekt. Nicht aus Stein. Ständige Selbstreflektion nervt, ist anstrengend, unbequem. Manchmal will ich auch einfach irrational sein. Mit Türen knallen. Schlecht gelaunt sein. Aber das darf nicht zum Alltag werden. Dieser Leidensdruck, der bei jedem Menschen einen individuelle Schwellenwert erreichen kann, muss auch nicht immer ausschließlich negative Energie freisetzen. Er kann auch positiv genutzt werden, um  eine unbefriedigende Situation zu verändern. Wir müssen uns aus dem Jammertal wieder herausziehen, mit einer positiven Herangehensweise, einer Änderung des Blickwinkels. Die Selbstmitleidsparty verlassen. Das kann manchmal schwierig sein, aber was ist die Alternative?

Wie oft fiel in Gesprächen mit euren Freunden oder Familie schon der Satz „Da ist der Leidensdruck noch nicht hoch genug“? Was ist bei diesen Menschen los, über deren Situation dieser Satz gesagt wird? Vermutlich nichts, sie  beschweren sich weiterhin, aber das war es auch. Konsequenzen und daraus resultierenden Handlungen sind hier eher nicht zu erwarten. Kenne ich von mir selbst. Und auch von anderen Leuten. Diese Negativität saugt Energie, gerade wenn sie zum Dauerzustand wird. Viele Menschen sind sich dessen auch gar nicht bewusst, denn vielleicht haben sie dieses Denkmuster schon sehr lange Zeit verinnerlicht. Menschen in solchen Situationen, gerade in unserem engen Umfeld, wollen wir schließlich helfen und sie unterstützen, wenn es ihnen nicht gut geht. Das ist auch wichtig!

Es geht nicht darum, in jeder Situation cold as ice zu sein und mit erhobenem Zeigefinger auf die Eigenverantwortung und Selbstreflektion zu verweisen. Unterstützung und Hilfe, das ist wichtig und zu der richtigen Zeit auch sicher nötig. Doch am Ende des Tages müssen auch sie selbst Verantwortung übernehmen. Auch wenn das unter Umständen schmerzhaft ist, anzusehen oder sich dabei hilflos zu fühlen, es ist ein Fakt: Wir können anderen Menschen nur bis zu einem bestimmten Punkt unterstützend zur Seite stehen. Wir können nicht die komplette Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Kenne ich auch, von mir selbst und anderen Menschen.

Jeder Mensch wird geprägt durch seine Erfahrungen und sein Umfeld. Gegen einen schweren Schicksalsschlag oder gegen eine Krise, die auf unser niederprasseln können und sicher auch noch werden, können wir nichts machen. Das Leben passiert. Aber wir können überlegen, wie wir damit umgehen und darauf reagieren wollen.

Es gibt bessere Parties

„Da war der Leidensdruck wohl hoch genug.“ Auch ein häufig gehörter Satz. Hier war der Druck so groß, dass die Person gehandelt hat. Die Angst oder der Ärger oder was auch immer sie umtrieben hat, war so belastend, dass der Mensch eine Veränderung herbeigeführt hat. Die Hoffnung, dass es dadurch besser wird, war größer und bedeutender, als die Unsicherheit, was kommen könnte. Somit kann der Leidensdruck auch als positive Motivation gesehen werden, aktiv zu werden und das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen. Kenne ich auch, von mir selbst und anderen Menschen. Macht definitiv mehr Spaß und bringt einen immer weiter. WIR bewerten bewusst oder unbewusst, was passiert und steuern damit, wie wir uns fühlen und was wir denken. Daher dürfen wir nicht allzu schnell damit sein, die Eigenverantwortung für alles nach außen zu verschieben, auf andere Menschen oder bestimmte Situationen.

Diese Art der Selbstreflektion, um dem Kern der Sache auf den Grund zu gehen, das ist schon nicht ohne. Die Komplexität und welche Faktoren eine Rolle für ein positives Mindset (Alarm! Trendwort!) spielen, kann ohnehin nicht in einem Blogpost abgehandelt werden. Es ist schließlich ein Prozess, aber ich bin mir sicher, dass es sich am Ende lohnt. Und diese Party macht dann auch viel mehr Spaß als die Selbstmitleidsparty. Da sollte kein Mokka Vodka Valium Latte kredenzt werden, den mag am Ende des Tages eh keiner.

Wie seht ihr das Thema Selbstreflektion?
Wie zieht ihr euch aus solchen Situationen heraus oder versucht, eine Änderung herbeizuführen?
Und was mich auch brennend interessiert: Was ist eure Lieblingsspruchkarte?

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