Häuserfront_Heimat
Gedankenkultur

Unterwegs auf der Suche nach Heimat

Es gibt diesen Spruch: „My home away from home“. Viele Leute haben offenbar so einen Ort, eine zweite Heimat, neben ihrer eigentlichen Heimat. Zumindest meine ich es überall zu lesen. Zum Beispiel, gefühlt, unter jedem zweiten Foto von Bali auf Instagram. „Bali ist meine zweite Heimat.“ „Ubud ist meine zweite Heimat.“ Und ich stehe da und denke: „Ich weiß nicht mal, ob ich eine erste Heimat habe.“

Was ist Heimat?

Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum (Territorium). Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.

Wikipedia // https://de.wikipedia.org/wiki/Heimat

So komplex und vielschichtig der Begriff ist, so hat Heimat offenbar in erster Linie mit einem physischen Ort zu tun. Die Definition sagt zudem nichts darüber aus, ob die Beziehung zwischen dem Mensch und diesem Ort positiv oder negativ sein muss. In meiner Wahrnehmung wird „Heimat“ von den meisten Menschen, und ich zähle mich dazu, positiv assoziiert wird. Sonst würde nicht so viele über diesen oder jenen Ort sagen „Das ist meine zweite Heimat.“ Auf jeden Fall löst das Wort bei jedem von uns im Gehirn etwas (anderes) aus. Heimat. Heimat. Heimat.

Nostalgie und ein Abschluss

Ich weiß manchmal nicht, was das Wort bei mit auslöst. Oder ich weiß es schon, aber es ist trauriger als es klingt. Oder es klingt trauriger, als es sich wirklich anfühlt. Ich habe ein Zuhause, das ich liebe, in einem Ort in dem ich mich wohlfühle. Aber per Definition ist meine Heimat der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ca. 2 Stunden von hier – denn dort habe ich die ersten 12 Jahre meines Lebens gelebt.

Kleine Straßen und ordentliche Häuserfronten. Hier wurde Samstags noch vor jedem Haus die Straße gekehrt und die Fenster geputzt. Ob das wohl immer noch so ist? Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, in die Grundschule, in die 5. Klasse. Ich habe meine ersten Freunde dort kennen gelernt. Dort bin ich das erste Mal allein mit dem Bus ins Freibad gefahren. Oder in die Stadt, um mir von meinem Taschengeld Diddl-Postkarten zu kaufen. Dort habe ich meine erste beste Freundin gefunden und mich das erste Mal verliebt.

Sommerluft, abgeschnittene Jeans, Inlineskates, leicht aufgeschürfte Knie (niemand braucht Knieschoner) und Solero Shots. Das grüne Eis, nicht der Alkohol. Nach Hause fahren, wenn die Straßenlaternen angehen. „Warst du nicht bei Yvonne? Ich habe ihre Mutter getroffen und sie sagte mir, Yvonne wollte zum Stall.“ „Nein, ich war dann doch bei Peggy und wir sind Inlineskates gefahren.“

Sommer_Heimat_Blumenwiese

Das war völlig normal – unterwegs zu sein, ohne, dass unsere Eltern ganz genau wussten, wo wir waren. Kein Smartphone, nicht mal ein Nokia 3310. Aber es gab auch weniger Unsicherheit, glaube ich, zumindest für alle Menschen in diesem Ort, damals. Ich habe dort mit dem Schreiben angefangen. Ich bekam mein erstes Tagesbuch, mit einem kleinen goldenen Schloss, dazu ein Schlüssel, der in jedes dieser Art von Büchern passte. Und in Diddl-Schatztruhen.

Das sind die schönen Erinnerungen, an die ich mein Herz verloren habe. Denn das habe ich dort oft – aber nicht nur im positiven Sinne. Auch viele Familiengeschichten hängen an diesem Ort, die nicht in sepiagetönte Sommernostalgie getaucht sind. Wenn ich zwischendurch, aber sehr selten, mal zurückkehre, weil ein Teil meiner Familie dort noch wohnt, dann fühlt es sich fremd an. Es gibt Menschen, die sagen, dass sie niemals ihre Heimat verlassen wollen. Ich dagegen würde niemals in meine Heimat zurückkehren wollen. Damit habe ich abgeschlossen.

Home is where the heart ist

Es gibt noch einen Spruch: „Home is where the heart is.“ „Home“, das kann „Zuhause“ und das kann „Heimat“ gleichermaßen bedeuten. Und ich für mich habe beschlossen, dass ich einen Ort nicht Heimat nennen muss, wenn ich das nicht fühle. Daher glaube ich, meine (erste) Heimat wird immer etwas anderes sein, als es die gängigen Definitionen sagen. Meine Heimat wird sich immer wieder verändern.

Heute ist meine Heimat für mich zuallererst die Menschen, die ich über alles liebe und für die ich dankbar bin. Heimat ist, wenn ich ihn anschaue. Heimat ist, wenn ich einen Kaffee trinke und in einem Buch lese. Heimat ist, wenn ich in mein Notizbuch schreibe, mit dem gravierten Füller – ein Geschenk aus der Heimat, nämlich aus meiner Familie.

Heimat ist, wenn ich draußen sitze und in die Sonne blinzele, während meine Familie um mich herumwuselt. Wenn ich draußen in der Natur laufen gehe. Heimat ist, wenn ich alte Fotos anschaue. So wie vorgestern, wo meine Freundinnen und ich uns per Videokonferenz gegenseitig Best-Of-Fotos der vergangenen 12 Jahre geschickt haben. Und uns lachend gefragt haben, wieso uns keiner auf zu dünne Augenbrauen oder fragwürdige Outfits aufmerksam gemacht hat, damals.

Unterwegs zur zweiten Heimat

Ich freue mich immer, wenn ich in ein neues Land, eine neue Stadt, eine neue Kultur reisen darf. Und jedes Mal, wenn ich die Heizung auf Urlaubsmodus stelle, die Spülmaschine anmache, den Müll in die eine Hand und den Griff meines Rollkoffers in die andere Hand nehme, den Flur entlang und die Treppe heruntergehe, die Haustür hinter mir schließe (habe ich auch alles?), dann frage ich mich: „Wird das vielleicht der Ort, von dem du sagen wirst, ‚Das ist meine zweite Heimat‘?“

New_York_City_Häuser_Straße

Wenn es einen physischen Ort gibt, um sich hier wieder der Definition anzunähern, der das am ehesten geschafft hat, dann wohl New York City. An New York City hängt mein Herz, aber es meine zweite Heimat nennen? Kenne ich diesen Ort genug, um das beurteilen zu können? Bedarf es überhaupt einer Beurteilung? Oder ist es letztlich nicht völlig egal, wie lange, wie oft wir wo waren, um einen Ort Heimat zu nennen, wenn wir es fühlen?

Egal, ob Ubud oder Ulm ist unsere erste oder zweite Heimat ist: Am Ende definiert Heimat nämlich jeder von uns allein. Vielleicht werde ich auch nie eine andere, zweite Heimat finden, einen Ort, zu dem ich eine Verbindung spüre, so wie ich sie für mich verstehe. Aber das ist nicht schlimm, denn meine erste Heimat macht mich glücklich genug.

Was ist für euch Heimat? Ist es der Ort, an dem ihr aufgewachsen seid? Oder ist es bei euch etwas anderes?

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12 Comments

  • Sarah

    Heimat ist für mich ganz klar Leipzig, weil ich hier aufgewachsen bin, meine Familie und Freunde sind hier. Als zweite Heimat würde ich aber auch den Ort bezeichnen, wo ich mein Auslandssemester gemacht habe. Einfach, weil mir die Stadt so viel bedeutet und ich echt tolle Erinnerungen daran habe. Auch, als ich ein Jahr später wieder dort war, hat sich alles noch zu vertraut angefühlt und ich hatte wirklich ein bisschen Heimatgefühl.
    Liebe Grüße
    Sarah

    • Kulturblazer

      Hallo Sarah,
      da hast du also auch eine zweite Heimat gefunden, sehr cool 🙂 Gerade, wenn so viele schöne Erinnerungen damit verbunden sind!
      Liebe Grüße!

  • Nicole

    Ein richtig toll geschriebener Post. Ich musste vor allem über deine Kindheitserinnerungen schmunzeln und habe mich da stellenweise wiedererkannt. Ich bin ja auch noch in der Zeit groß geworden, wo es noch keine Handys gab. Mein erstes hatte ich erst als ich auf eine weiterführende Schule bin, die dann nicht mehr im Ort war. Da habe ich das alte Handy meiner älteren Schwester bekommen, damit ich meinen Eltern bescheid geben konnte, wenn der Zug Verspätung hat. Sie sich nicht sorgen. Während der Grundschule hatte ich aber keines, das wussten meine Eltern auch nie so wirklich wo ich war. Damals hat man sich darüber wirklich nicht so die Gedanken gemacht, hatte den Eindruck das alles sicherer ist. Was bei mir auch dazu gehört hat: Wir haben jeden Sommer im örtlichen Freibad verbracht, ich hatte dort wunderschöne Stunden mit meinen Freundinnen, wir sind oft Inliner gefahren und haben auch jedes Mal nach der Schule den Hund gegenüber gefüttert. Wir haben an Flüssen gepicknickt und viele Stunden draußen geplaudert. Haben Filmabende gemacht, uns gegenseitig Frisiert und Wellnes-Tage eingelegt. Das war echt ne schöne Zeit, die aber natürlich nicht immer perfekt war. Da gab es auch viel familäres Drama, Tiefschläge oder Streitigkeiten mit Freunden.

    Wenn ich an Heimat denke, dann verbinde ich das auch mit Menschen. Meine Heimat ist da, wo meine Liebsten sind. Wenn ich die Menschen um mich habe, die ich liebe, dann bin ich zuhause, egal wo das ist. Wenn ich eine zweite Heimat defnieren müsste, dann wäre es London, weil mich die Metropole auf anhieb begeistert hat und ich schon seit längerer Zeit die Geschichte und Kultur des Landes liebe, aber auch die Menschen selbst so humorvoll, lieb und hilfsbereit sind. Aber wie du: Kenne ich die Stadt gut genug, um das zu sagen? Ich glaube gerade beim Urlaub sieht man einen Ort ja durch eine rosarote Brille, man nimmt vor allem die schönen Seiten wahr, eher weniger das Negative. So soll Urlaub ja auch sein. Aber um etwas Heimat zu nennen, bräuchte ich da doch das ganze Bild. Zudem wären dort auch nicht meine Freunde, meine Familie, sodass ich mich wohl immer einsam fühlen würde, unabhängig wie sehr ich London liebe.

    Dankeschön für dein liebes Kompliment, das freut mich zu hören <3. Auch das ich dir eine Freude machen konnte. Ich hoffe dir und deiner Familie geht es noch gut und ihr seind alle gesundheitlich fit?

    • Kulturblazer

      Hallo Nicole,
      danke für deine lieben Worte, es freut mich, dass dir der Post gefällt. Heutzutage können sich die Kids vermutlich kaum vorstellen, wie es ist, KEIN Handy zu haben 🙂 Wir sind ja die letzte Generation, die beides in ihrer Kindheit/Jugend erfahren hat: Mit und ohne Smartphone/Handy. Wir hatten auch so einen Hund in der Straße, den wir immer gefüttert haben 😀 Und es gab doch in jeder Straße das Haus, was alle irgendwie gruselig fanden und wo man sich merkwürdige Dinge über die Bewohner erzählt hat, oder?
      London…ja, das kann ich nachvollziehen. Ich glaube auch, dass mir die Menschen immer das Wichtigste wären.
      Uns gehts allen gut, ich hoffe dir und deinen Lieben auch!
      Bleib gesund und genieße die Ostertage!
      Allerherzlichste Grüße!

  • Elisa

    Hallo Vanessa,
    total schöner und intensiver Beitrag! Er hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Ich stimme dir zu, dass Heimat für jede Person etwas anderes bedeutet und das ist auch gut so. In meinem Fall muss ich aber auch sagen, dass mein zu Hause, wo ich aufgewachsen bin und wo meine Eltern noch wohnen, nicht als meine Heimat ansehe. Ich hatte eine schöne Kindheit, ein schönes Familienleben, Hunde und Freunde und auch unglaublich viele Erinnerungen und dennoch fühlt es sich nicht an wie meine Heimat. Meine Wahlheimat ist eher Augsburg, die Stadt in die ich zufällig gestolpert bin, mein Studentenleben verbracht habe und in die mich einfach von einen auf den anderen Augenblick verliebt habe. Es ist meine „Wahlheimat“, so würde ich das nennen.
    Aber das Thema ist natürlich sehr komplex und jeder Mensch sieht das anders.
    Ich wünsche dir noch eine schöne Woche und bleib gesund, Elisa xx

    • Kulturblazer

      Hi Elisa,
      vielen Dank 🙂 Es ist spannend zu lesen, dass du, obwohl sich deine Schilderung sehr positiv anhört, du diesen Ort nicht als Heimat bezeichnest. Ich dachte immer, wenn womöglich das Gefühl an schmerzhafte Erinnerungen überwiegt, auch die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass man einen Ort nicht als Heimat betrachtet. Wenn man sich an einem anderen Ort jedoch noch glücklicher und mehr „als sich selbst“ fühlt, weil man selbst ihn so gewählt hat oder sich durch Zufall verliebt hat (wie bei dir) und dieser Ort dann Heimat wird – das ist ein schöner Gedanke. „Wahlheimt“ ist wirklich ein toller Aspekt, den du hier reingebracht hast.
      Liebe Grüße und bleib gesund!

  • Tiziana

    Wow wirklich schön geschrieben 🙂 Deine Gedanken zum Thema Heimat kann ich sehr gut nachvollziehen. Ein Zuhause habe ich im Moment nicht. Heimat wäre dann wohl die Wohnung meiner Mutter in der ich aufgewachsen bin, doch die hat sich seit meinem Auszug vor vielen Jahren so stark verändert, dass es nicht wirklich die klassische “Heimat” mehr ist.
    Ich sehe es ganz ähnlich wie du dass “Zuhause” nicht nur ein Ort ist, sondern vor allem auch Menschen und ich hoffe dass ich irgendwann wieder das Gefühl von Zuhause haben werde.

    Hab ein schönes Wochenende meine Liebe

    Tiziana

    • Kulturblazer

      Hi Tiziana,
      du bist ja auch gerade in einer Megasondersituation – ich hoffe, dir geht es gut und du/ihr seid nach wie vor wohlauf.
      Ich bin mir sicher, dass es auch bald bei dir wieder so ist, dass du ein Zuhause und dann auch wieder ein solches Gefühl zu dir finden wird. Du bist jedenfalls nicht allein, das ist schon viel wert:)
      Ich drücke euch die Daumen!
      Frohe Ostern in diesen besonderen Zeit und bleibt gesund!

  • Christine

    Bei mir hat sich die Wahrnehmung von „Heimat“ über die Jahre auch etwas verändert. Da ist zwar immer dieser Ort, der meine Heimat bleibt, aber nachdem nicht mehr alle Lieben dort wohnen, geht es mir auch so, dass „Heimat“ vor allem auch diese Menschen sind. Selbst wenn wir eben alle mal nicht in diesem Haus und Ort sind, der ursprünglich mit meiner Auffassung von Heimat verbunden war.

    • Kulturblazer

      Hi Christine,
      vielleicht ändert sich das bei mir im Laufe der Zeit auch nochmal und je länger ich vielleicht irgendwo lebe, desto mehr Heimat wird dies…aber die Menschen werden wohl immer ein Teil bleiben.
      Ich bin gespannt, ob sich meine Auffassung im Laufe meines Lebens auch nochmal verändern wird.
      Liebe Grüße!

  • Magda

    Ein sehr schöner Beitrag! 🙂
    Für mich ist Heimat einerseits ein Ort und anderseits ein Gefühl bzw. Geruch. Als Ort gehört zu meiner Heimat mein Wohnort, aber genau so Teneriffa und Danzig. Das Gefühl von Heimat habe ich bei Jahreszeiten (Frühling (Vogelgezwitscher), Sommer (Sonnenstrahlen) und Winter (Kälte)), dann weiß ich, dass ich zu Hause bin, aber genauso der Geruch von frisch gebackenen Kuchen oder anderen Leckereinen.
    Ja, es mag verrückt klingen, aber dann bin ich zu Hause 🙂
    Viele Grüße und bleib gesund!
    Magda von magdasmomente

    • Kulturblazer

      Hi Magda,
      danke dir für deine lieben Worte! Geruch ist auch ein tolles Stichwort und das klingt absolut nicht verrückt! Ich kenne das auch, das trifft bei mir gerade auf typische Gerichte zu, die meine Eltern/Großeltern zubereitet haben und dann eben auch nach Heimat riechen. Es ist einfach für jeden etwas anderes und das macht es auch so spannend! ich freue mich total über deine Gedanken dazu und dass du dir die Zeit genommen hast, sie zu teilen.
      Liebe Grüße und viel Gesundheit!

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