Wo ist die Zeit geblieben Uhr
Gedankenkultur,  Kultur

Wo ist die Zeit geblieben?

„Forever 21!“ 
„Bald ist es Zeit für die Ü30-Parties!“
„30 ist das neue 20!“

Tatsächlich sind das Sätze, die meine Freunde und ich in letzter Zeit recht häufig fallen lassen. Wir schreiben sie halb ironisch, halb wehmütig auf die ersten Geburtstagskarten und machen uns bewusst, dass wir aktuell an einem Punkt stehen, von dem wir vor 10 Jahren noch gedacht haben: „Ach, bis ich 30 bin, da habe ich noch ewig Zeit.“ Jedes Mal, wenn ich nun auf einem 30.Geburtstag bin, denke ich: „Wie können wir alle nach und nach schon 30 werden? Wo ist die Zeit geblieben?“

Wo ist unsere Zeit geblieben?

Ja, wo ist sie geblieben? Ich hatte dieses Jahr 10-jähriges Abiturtreffen. Es war ein schöner Tag: Wir erinnerten uns an Früher und erzählten von Heute. Wehmut, Nostalgie,  Aufbruchstimmung und Spannung, was in unserem Leben noch auf uns zukommen wird. Eine Frage fiel immer wieder, also scheint sie nicht nur mich zu beschäftigen: „Wo ist die Zeit geblieben?“ Als Kind bis ins Teenageralter rollte ich genervt die Augen, wenn ich diesen Satz, etwa in Familienrunden von Eltern oder Großeltern hörte. Ich konnte es damals überhaupt nicht nachvollziehen: Sooo schnell vergeht die Zeit nun auch wieder nicht. Ich war mir ziemlich sicher, dass ICH als Erwachsene diesen Satz nie verwenden würde. Ganz so war es dann doch nicht. Ich weiß nicht mehr, wann es anfing, aber es hat angefangen, definitiv.

Das Urlaubs-Paradoxon

Ich kenne jemanden, der fährt für 3,5 Wochen auf die Malediven.
„So lange? Wird das nicht langweilig?“ frage ich.
Er antwortet: „Och naja, es gibt dort nicht so viel zu tun, das stimmt – aber dadurch vergeht die Zeit langsamer und 3,5 Wochen Urlaub fühlen sich wie 6 Wochen Urlaub an.“
Klingt im ersten Moment irgendwie clever, oder? Hat diese Person den Masterplan? Weniger tun, damit die Zeit langsamer vergeht?

Das Urlaub-Paradoxon der Psychologin Claudia Hammond zeigt, was wirklich passieren wird: Wenn wir uns mit etwas beschäftigen, was uns Freude macht oder wir aufregende Dinge erleben, vergeht dieser Zeitraum in dem Moment wie im Flug – das kennen wir alle. Mir passiert das beim Schreiben, lesen oder auf Reisen. Jetzt wird es spannend: Im Nachhinein bewertet das Gehirn diese Zeitspanne als lang, aufgrund der ganzen neuen Erfahrungen, die es gesammelt und gespeichert hat. Viele Erinnerungen bedeutet, unser Gehirn speichert eine längere Dauer ab. Befinden wir uns jedoch in unserer Alltagsroutine oder langweilen uns, geht die Zeit überhaupt nicht um: Vor uns liegt eine gefühlte Ewigkeit. Und wie fühlt sich das in der Retrospektive an? Am Freitag fragt sich jeder wieder, wo die Woche geblieben ist – tadaa- der nächste Phrasensatz: Die Zeit rast. Das Gehirn speichert Vertrautes weniger präsent ab und daher kommt uns dieser Zeitabschnitt sehr kurz vor.

Erlebnisse und Erfahrungen müssen her!

Somit muss der Malediven-Urlauber eigentlich genau das Gegenteil seiner Idee machen, um später nicht das Gefühl zu haben, die Zeit dort war quasi nicht existent: Neue Erfahrungen sammeln, spannende Dinge ausprobieren, Ungewohntes durchleben. Das Gehirn speichert all das und bemisst damit die Zeitspanne als lang – und gibt uns damit ein Gefühl, viel erlebt zu haben. Sollte das nicht unser Ziel sein? Da denke ich, sind wir uns einig. Was ich mit dieser Erkenntnis machen möchte? Noch mehr reisen, noch mehr neue Dinge ausprobieren, neue Menschen und Sichtweisen kennen lernen. Das sind Ziele, die gerade in der Umsetzung im Alltag durchaus mehr als Enthusiasmus und Motivation verlangen, nämlich Handlung. Umsetzung. Aus den Mustern ausbrechen, um sich an Neues zu wagen. Sich Zeit nehmen.

Und woher nehme ich die Zeit dafür?

Ich habe keine Zeit. Diesen Satz möchte ich eigentlich aus meinem Wortschatz streichen. Weil es Quatsch ist, dass ich keine Zeit habe, ich nehme sie mir für manche Dinge ganz einfach nicht. Ausnahmen gibt es immer, wirklich wichtige, nicht verschiebbare Termine oder Verabredungen. Häufig verwenden wir den Satz aber fast zu schnell, ohne ihn zu reflektieren und zu fragen: Habe ich jetzt wirklich keine Zeit? Oder habe ich sie, aber meine Prioritäten sind momentan anders gesetzt? Zeit ist unser wichtigstes Gut.Uhr Wecker Zeit Uns steht nur begrenzte Lebenszeit zur Verfügung. Wir monetarisieren sie, egal ob angestellt oder selbstständig, stellen sie also gegen ein Einkommen zur Verfügung. Das ist ja auch per se absolut ok und notwendig, wir sollten uns nur dessen bewusst sein.

Wenn wir aber unseren Job überwiegend nicht gerne machen, dann läuft etwas schief, dann verschwenden wir unsere wertvolle Zeit und das Gefühl der Fremdbestimmung nimmt überhand. Daher ist es wichtig, genau abzuwägen, für was wir uns wirklich Zeit nehmen wollen. Welche Dinge wir eventuell ändern müssen, um mehr Raum für uns und die Sachen, die uns Spaß machen und uns bereichern, zu haben. Denn damit schaffen wir für uns selbst die Erinnerungen und Erfahrungen, die unser Gehirn benötigt, um eine Zeitspanne lang und wertvoll zu bewerten und uns nicht irgendwann fragen zu müssen, womit wir unsere ganze Zeit verbracht haben.

Ist 30 das neue 20? Ich glaube, mit 30 fangen viele Menschen an, das erste richtige Resümee zu ziehen und auf das bisher Erlebte und Erreichte zurückzublicken. Ich gehöre dazu. Ist das Leben so, wie ich es haben möchte? Möchte ich etwas ändern? Bin ich glücklich und zufrieden? Denn am Ende des Lebens gibt es nur wenige Fragen, die noch wichtig sind: War ich glücklich? Habe ich ein erfülltes Leben gehabt? Also: Was können wir jetzt tun, um glücklich zu werden?

Wie fühlt sich Zeit für euch an?
Vergeht sie schneller als früher oder langsamer?
Was sind eure Gedanken dazu?

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2 Kommentare

  • Lara

    Zeit ist schon was verrücktes.
    Eigentlich ist sie ja ziemlich genau messbar, aber irgendwie ja auch nicht.
    Bei meinem 20. Geburtstag vor wenig Monaten dachte ich auch: „uff, die letzte null, auf die man sich freut“
    Aber vielleicht hast du ja Recht 🙂
    Berichte mal von dem Leben Ü30, wenn es soweit ist!

    Liebe Grüße
    Lara

    • Kulturblazer

      Hi Lara,

      genau, das ist das Paradoxe daran. Wir rennen alle mit Uhren durch die Gegend, um zu wissen, wie spät es ist (wieso fragt man eigentlich „“Wie spät ist es?“ statt zu fragen „Wie früh ist es?“ oder ganz ohne Wertung zu fragen?), aber trotzdem haben wir manchmal das Gefühl, die Zeit rinnt uns durch die Finger. Ich bin mittlerweile seit ein paar Monaten 30 und ich finde es überhaupt nicht schlimm. Mit 20 hätte ich auch nicht gedacht, dass das mal so sein würde, aber die Zeit verändert eben auch die Sicht der Dinge 🙂
      Liebe Grüße!

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