Body_positivity_Spiegel_modeblog
Gedankenkultur

Zwischen Body Shaming und Body Positivity

Gestern war wieder ein Tag, an dem ich meinen Körper mit Blick in den Spiegel mit einigen Warums und Wiesos konfrontiert habe. Trotzig und stur wie er in meinen Augen mal wieder schien, erhielt ich natürlich keine Antwort. Body Positivity? Fehlanzeige! Es ging mehr in die Richtung: Wieso kannst du nicht so schnell laufen heute? Wieso bist du nicht so gelenkig? Wieso reagierst du mit Hautunreinheiten, wenn ich zuviel Zucker und Chips esse? Wieso hast du diese Haarstruktur, die nach dem Föhnen nie so aussieht, wie ich sie haben will? Wieso hast du eine Sehschwäche? Wieso muss diese Narbe am Bein so groß sein? Warum, wieso, weshalb???

Bodyshaming dank vermeintlicher Perfektion

Auch wenn der Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram mehr und mehr an Präsenz gewinnt, ist der schöne, perfekte Schein immer noch überlegen und allgegenwärtig, dank Filter und Photoshop. Ich gebe zu: Wenn ich irgendwo wieder einen Instagramfilter sehe, probiere ich ihn natürlich auch aus. Einerseits aus Spaß, aber andererseits auch, um zu sehen, was optisch gesehen noch drin ist, wenn auch nur virtuell. Denn ich kann mich auch nicht völlig davon frei sprechen, mir nicht auch gelegentlich ein schmeichelhafteres Hautsetting zu wünschen: Mit weniger Unregelmäßigkeiten und Rötungen und mehr Perfektion und unsichtbaren Poren. Also nix mit Body Positivity. Auf die Spitze treiben es dabei Instagram-Filter direkt aus Absurdistan, die sogar Gesichtszüge verändern: Nase schmaler, Lippen voller, Wangenknochen ausgeprägter. Mensch dahinter befremdlicher.

Jedem von uns ist natürlich freigestellt, sich so zu zeigen und darzustellen, wie wir möchten. Und jedem von uns ist freigestellt zu entscheiden, welche Accounts oder Inhalte wir selbst kreieren oder konsumieren. Aber spätestens, wenn wir uns durch übermäßig zur Schau gestellter Perfektion von Körper, und Lifestyle schlecht fühlen oder uns und unseren Körper abwerten, sollten wir die Reißleine ziehen.

Wir denken 60.000-80.000 Gedanken am Tag und die meisten davon, die an uns selbst gerichtet sind, sind gegen uns gerichtet. Negativ, abwertend, geringschätzend. Der ein oder andere Bodyshaming-Gedanke ist selten weit: „Wieso bin ich nicht so fit? Wieso ist meine Haut nicht so makellos? Wieso ist meine Figur nicht so perfekt?“ Dabei vergessen wir, dass niemand perfekt ist, auch niemand auf Instagram, egal wie sehr die Menschen es versuchen zu sein.

Ich selbst weiß daher auch, dass diese Fragen, die ich eingangs stellte, irrational und unfair sind. Gerade an Narben herumzumäkeln, raubt soviel Energie und ist so dermaßen unnötig! Aber jetzt, wo Sommer kommt und Röcke, kurze Hosen und Sommerkleider aus den Schränken geholt werden – da habe ich manchmal einfach echt schlechte Laune, wenn ich daran denke, dass ich für immer mit meiner Narbe und Kerbe draußen rumlaufen muss. Ja, richtig gelesen: Kerbe. Denn wenn man aus einem bestimmten Winkel auf mein Bein blickt, dann sieht man den Bereich, wo einfach ein Stück fehlt, weil das Gewebe dort nie vollständig nachgewachsen ist. Armes, armes Ding, hat nicht nur eine Narbe, sondern auch eine Kerbe, wie furchtbar! (*Zynismussaus*).

Beine_Narbe_Body_Positivity

Irgendwo dazwischen: Body Neutralism

Als Gegenbewegung zu so vielen negativen Körpergedanken ist hier Body Positivity nach wie vor noch ein großes Thema: Liebe deinen Körper, umarme deine Makel. Ihr kennt die Sprüche sicher alle. Aber ganz ehrlich? Ich habe da oftmals keinen Bock zu. Ich muss die Narbe an meinem Bein nicht lieben. Ich finde sie nicht schön, das ist einfach so.

Da liebäugele ich schon eher mit dem Body Neutralism: Ich muss erstmal gar nichts an mir lieben. Es reicht auch, wenn ich körperliche Gegebenheiten einfach akzeptiere, wie sie sind. Ich muss ihnen nicht ständig Raum schenken und sie wichtiger machen als sie sind, egal ob auf eine negative oder positive Art. Die Narbe ist da und ich finde sie nicht schön, aber es ist, wie es ist. Dennoch zeigt sie mir etwas, was ich im Alltag auch gerne übersehe und vergesse: Sie erinnert mich nämlich daran, dass mein Körper ein ziemlich krasses Wunder ist. Und das meine ich absolut ernst.

Unsere innere Intelligenz

Der Chirurg im Krankenhaus meinte damals erstaunt, wie es sein könne, dass ich bei diesem Status der Wundentzündung noch kein Fieber oder weitere gesundheitliche Folgen davon getragen habe – das grenze an ein Wunder. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass mein Körper die ganze Zeit alles gegeben hat, damit es nicht zu einer Blutvergiftung kommt. Damit ich wieder gesund werde. Er wusste die ganze Zeit, was er tun muss.

Jeder Körper weiß das, jeder Körper hat diese innere Intelligenz – denn nicht weniger als diese Bezeichnung verdienen diese unzähligen Prozesse in unserem Körper, die tagtäglich, minütlich, sekündlich ablaufen: 100.000 Herzschläge am Tag, bei denen etwa pro Minute 5 Liter Blut durch unser Herz gepumpt werden. Pro Sekunde und pro Zelle laufen 100 000 chemische Reaktionen ab – multipliziert mit 70-1000 Billionen Zellen in unserem Körper – wow. Einfach wow.

Und wenn wir nicht nur einfach leben, sondern heilen müssen, dann gibt´s noch viel mehr zu tun: Zellstrukturen wieder zusammen zu setzen, neues Gewebe bilden, Gefäße neu anlegen. Eins steht fest: Ich hätte keinen Plan gehabt, wie man eine Bisswunde heilt. Aber mein Körper wusste es, einfach so.Was ich damit sagen will: Unser Körper ist ein Wunderwerk. Und dafür verdient er mehr, als dass wir ihn wegen wegen einem unrealistischen Körperbild in den Medien abwerten.

Leben statt Perfektion

Eins habe ich für mich begriffen, auch wenn ich mich selbst öfter daran erinnern muss: Der Zweck meines Körpers ist es nicht, bis ans Ende meines Lebens perfekt erhalten zu sein, ohne Falten vom Lachen oder Narben von Abenteuern, egal ob am Bein oder von gebrochenen Herzen. Unser Körper ist dafür da, damit wir das Leben erfahren können, mit allem, was dazu gehört: Schmecken. Sehen. Hören. Riechen. Fühlen. Erleben. Lieben. Verletzen. Heilen.

Keiner von uns kommt lebend hier raus. Also hört auf, euch wie ein Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.

Anthony Hopkins

Das Zitat von Anthony Hopkins finde ich wunderschön, denn es beschreibt, worum es gehen sollte: Zu leben. Nicht perfekt auszusehen. Uns um uns und unseren Körper zu kümmern, so gut es geht. Und auch Tage ok zu finden, wo mal alles doof ist. Das gehört dazu und geht auch wieder vorbei. Aber zu leben, das ist das Wichtigste. Für nichts anderes ist Zeit. Und ein leckeres Eis, mit der Sonne im Gesicht, schmeckt mit Narbe am Bein – da bin ich mir ziemlich sicher – genauso gut wie zuvor.

Wie steht ihr zu den Themen Body Positivity & Co.? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was gefällt euch besonders gut an euch und eurem Körper?

Blogfeed
Bloglovin

Quelle für die medizinischen Fakten: Vgl. Dr. Joe Dispenza (2019), „Schöpfer der Wirklichkeit“, 7. Auflage, KOHA-Verlag, S. 60f.

20 Comments

  • Krissi

    Wow, das hast du soo schön geschrieben! Du hast absolut Recht. Unser Körper ist ein Wunderwerk. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich mit einer kleinen Verletzung (eingerissene Haut am Finger oder ein Biss in der Zunge) schlafen gehe und am nächsten Tag ein Grind drüber ist oder die Zunge nicht mehr weh tut… Es ist einfach unglaublich, was unser Körper leitet und wir sollten ihm dafür ddankbar sein anstatt ihn mit Hass und Scham zu überschütten. Ich kenne das auch, mit dem vorm Spiegel stehen und alles an sich kritisieren. Aber ich versuche dann imemr wieder, dagegen zu steuern und mir selbst zu sagen, was ich alles an mir mag. Das hilft enorm und boostet das Selbstbewusstsein. <3

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    https://www.themarquisediamond.de/

    • Kulturblazer

      Liebe Krissi,
      ganz herzlichen Dank für deine lieben Worte! Es hilft ja auch, wenn man weiß, dass man mit diesen Gedanken nicht allein ist und es anderen auch oft so geht 🙂
      Genau, positive Dinge an sich zu sehen und zu wertschätzen hilft dann, sich wieder rauszuziehen…Selbstbewusstseinsbooster sind immer gut!
      Viele Grüße!

  • Wonderful Fifty

    Liebe Vanessa, du greifst hier ein vor allem in der heutigen Zeit sicherlich sehr wichtiges Thema auf und ich finde es einfach toll, wie du es bearbeitet hast und aufbereitet hast. Der Begriff „Body Neutralism“ beschreibt für mich perfekt, wie ein optimaler Umgang mit dem Körper, mit sich selbst sein kann. Ein ständiges Vergleichen mit anderen oder überhaupt auf ein häufiges Betrachten dieser bearbeiteten Bilder auf Social-Media kann doch nur zu Zweifeln und gegebenenfalls zu einem Body-Shaming führen und wir sehen nur noch, was uns an unserem Körper nicht gefällt oder was verbessert werden sollte. So habe ich nicht schlecht gestaunt, als ich über den neuesten Trend bei den Schönheitsoperationen gehört habe, da werden doch tatsächlich die Zehenknochen gekürzte, damit die Zehen nicht so lange sind!?! Auf der anderen Seite ist auch irgendwie unnatürlich alles an sich selbst toll und perfekt und was weiß ich was noch zu finden – es gibt eben auch mal einen Bad-Hair-Day und da finde ich meine Haare halt einfach auch mal doof. Daher ist hier sicherlich der Mittelweg optimal.
    Hab einen wunderbaren Tag und alles Liebe

    • Kulturblazer

      Liebe Gesa,
      waaas, Zehenknochen kürzen lassen? Ist das dein Ernst?? Das habe ich ja noch nie gehört, wie absurd ist das denn??! Ich dachte, Operationen an der Vagina mit Schamlippenlifting etc. ist schon irre, aber das fällt mindestens in die gleiche Kategorie! Es gibt eben immer gute und nicht so gute Tage, aber das gehört dazu und wie du sagst: Mittelweg und Balance ist alles 🙂
      Ganz herzlichen Grüße!

  • Christine

    Was für schöne und wahre Worte!
    Ich schätze jeder ist mal kritisch, jeder denkt mal „Ich könnte fitter sein“, vergleicht sich mit anderen oder fühlt sich nicht so wohl in seiner Haut. Aber man sollte sich wirklich öfter mal vor Augen führen, was für ein Wunder der eigene Körper doch ist! Grad, wenn man solche Geschichten wie du erlebt…

    Und das Zitat ist einfach wunderbar! Das passt perfekt. Zum Thema Bodypositivity, aber grad auch generell zum Leben. 😉

    • Kulturblazer

      Hi Christine,
      manchmal ist es absurd, dass man den Körper oder die eigene Gesundheit erst wieder schätzt, wenn etwas passiert oder es einem nicht so gut geht…und wenn es dann wieder besser wird, nimmt man es nicht mehr wahr. Daran arbeite ich auch 🙂
      Das ist tatsächlich auch eines meiner liebsten Zitate, weil es mir immer wieder bewusst macht, worauf es wirklich ankommt 🙂
      Ganz liebe Grüße!

  • Lisa Marie

    Liebe Vanessa,

    ein wirklich toller Beitrag!
    Ich hatte oft Phasen, in denen ich sehr unzufrieden mit meinem Gewicht gewesen bin. Es ärgerte mich, dass manche Menschen nahezu essen können was sie wollen, ohne viel zuzunehmen. Bei mir hingegen sieht das ganz anders aus. Mit ’ner Weile ernähre ich mich aber (zumindest in meinen Augen) relativ gesund und ich merke, dass mein Körper dankbar dafür ist und dass es uns gut tut. 🙂

    Wie Christine schon geschrieben hat, ist jeder mal seinem Körper gegenüber kritisch. Aber ich denke, dass ist menschlich. Es darf nur nicht ausarten.

    Liebe Grüße
    Lisa Marie

    • Kulturblazer

      Hi Lisa Marie,
      ich danke dir für deine lieben Worte und deine Offenheit. Ich kenne diese Gedanken, auch wenn die sich bei mir in erster Linie um die Haut drehen, aber die Richtung ist ähnlich: Wieso können manche Leute essen, was sie wollen und haben nie Hautprobleme?! Damit habe ich auch sehr lange Zeit gehadert und auch heute noch fällt mir ein liebevoller Umgang nicht immer leicht. Aber es ist ein Prozess und dass wir nicht aufgeben, zeichnet uns aus 🙂
      Ganz viel Grüße!

      • Lisa Marie

        Hallo nochmal 🙂 ,

        der Zusammenhang zwischen Ernäherung und Hautbild ist mir ebenfalls aufgefallen.
        Manche haben da wohl einfach Glück gehabt. Und bei wieder anderen ist es, wie du schon sagst, ein Prozess.
        Und wir schaffen das, ganz genau! 🙂

        Liebe Grüße
        Lisa Marie

  • Elisa

    Vanessa, einfach nur toller Beitrag! Du hast soooo Recht!
    Das Internet, vor allem Instagram, ist voll von Menschen, die „perfekt“ aussehen und an denen viele Menschen, vor allem auch junge Leute, sich ein Vorbild nehmen, unglücklich mit sich selber werden und anfangen ihrem Körper nichts gutes zutun – und wofür? Um nach etwas zu streben, was am Ende des Tages keine Bedeutung hat! Denn wie du sagst und wie auch das tolle Zitat sagt, sollten wir einfach leben und glücklich sein!
    Und ganz nach diesem Motto versuche ich zu Leben – ich bin für Body Positivity, aber man muss es nicht übertreiben, genauso soll man sich auch nicht schämen – die neutrale Mitte ist genau das Richtige!
    Jeder Mensch hat mal gute und schlechte Tage, egal was man versucht sich einzureden, und ich weiß manchmal auch nicht, wie ich damit umgehen soll…doch am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus! 🙂
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag, Elisa xx

    • Kulturblazer

      Huhu Elisa,
      ja, so richtig schlechte Tage hatte ich in der letzten Zeit mal häufiger, aber mir helfen dann ein paar Dinge wieder auf die Sprünge und dann bin ich bald auch wieder „on track“. Akzeptanz ist dabei ganz wichtig und die Erkenntnis, dass wir alle schön sind, wie wir sind. Ich finde es auch schwierig, wenn Menschen versuchen, bestimmten Körperidealen hinterher zu eifern (z. B. einen Po wie J.Lo oder Kim Kardashian zu haben) und dabei vielleicht vergessen, dass ihr Körper einfach nicht dafür gemacht ist – weil es einfach nicht gut passen würde! Wir können mit Sport und Ernährung zwar einiges machen, aber manche Dinge sind einfach echt schwierig bis gar nicht zu erreichen. Ich werde z B. niiiiemals so einen Hintern haben oder solche Kurven haben, dafür ist mein Körperbau einfach nicht ausgelegt. Und das finde ich, mittlerweile, auch echt ok so. Die Menschen lieben uns doch, weil wir hilfsbereit, freundlich, lustig, liebevoll und verrückt sind und nicht weil wir porenreine Haut oder einen perfekt geformten Körper haben!
      Viele Grüße!!

  • Susanne

    Body Shaming und Body Positivity sind sicherlich die beiden „Extreme“, von daher finde ich den Begriff des Body Neutralism echt super, den kannte ich noch gar nicht.
    Genau, man muss sich einfach akzeptieren, wie man ist, und wenn man am Bein eine Narbe hat: was soll’s? Das Zitat von Anthony Hopkins passt doch da super dazu. Warum Zeit mit Nörgeln und Ärgern verbringen, es gibt so viele schöne und interessante Dinge, die man stattdessen tun kann. In diesem Sinne: Genieße dein leckeres Eis in der Sonne, ob mit oder ohne Narbe am Bein!

    • Kulturblazer

      Hallo Susanne und willkommen! 🙂
      Ich denke auch, dass diese Denkweise für die meisten am realistischsten ist, denn dieses extreme „Ich muss meinen Körper lieben“ ist doch für mich , gefühlt, auch wieder mit einem Druck verbunden – und in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit brauchen wir nicht noch mehr davon!
      Ein Eis von der Eisdiele hatte zwar letztes WE eingeplant, aber doch nicht umgesetzt – aber wenn es soweit ist, denke ich an dich und mache ein Foto 😀
      Liebe Grüße!

  • Nicole

    Ein sehr schöner und wahrer Beitrag. Ich habe auch Tage an denen bin ich total unzufrieden mit mir, schaue in den Spiegel und mag nicht wer da zurückstarrt oder blicke auf meine Hüften oder meine Oberschenkel und werde unsicher, ob ich das neue Kleid oder den neuen Rock überhaupt tragen kann. Tage, an denen ich mich einfach nicht wohl in meiner Haut fühle, obwohl ich mich doch mittlerweile mit mir und meinem Körper abgefunden habe. Natürlich gibt es Stellen an denen arbeite ich gerade wieder (natürlich mit Sport :D), jetzt wo der Sommer kommt. Aber alles in allem bin ich doch zufrieden mit mir, was eben nicht heißt, dass man besagte Tage nicht hat. Ich glaube, dass die jede Frau hat, gerade auch ausgelöst durch die Sozialen Netzwerke und die Medien. Manchmal werden die perfekten Bilder und tollen Aufnahmen, aber auch die Kritik die einen durch Schlagzeilen zu das Aussehen von Promis suggeriert werden, zu viel und man fällt in dieses unsichere Loch. Wichtig ist nur, dass das kein Dauerzustand ist.

    Was Narben anbelangt: Ich finde ja, dass jede Narbe eine Geschichte erzählt. Schön sind sie definitiv nicht, aber wenn ich meine Narben anschaue, dann verbinde ich damit eine Erinnerung, die Geschichte wie ich sie erhalten habe, aber auch was davor und danach passiert ist. Sie gehören eben zu meiner Lebensgeschichte dazu und sind ein Teil von mir – auch wenn sich das schon wieder so kitschig anhört.

    Das mit der Haut kenne ich. Seitdem ich die Pille abgesetzt habe, habe ich da ja auch wieder Probleme mit. Mal ist sie richtig schön, aber dann kommt wieder die Phase, wo dann die Pickel sprießen und der Blick in den Spiegel schwerfällt :/. Geht einer Freundin gerade genauso, deshalb reden wir da aktuell sehr oft drüber und über unsere Erfahrungen mit der Pillenabsetzung.

    Besagte Filter auf Insta kenne ich aber gar nicht. Ich bekomme das eher nur durch die Medien mit, habe so einen Filter aber selbst noch nie benutzt bzw. nicht diese extremen, wo man die Haut komplett verändert oder auch Nase usw. Da würde ich mich dann gar nich mehr mit wohlfühlen, weil das ja dann gar nicht mehr ich auf den Bildern bin. Mal ein Pickel kaschieren, dass macht ja jeder von uns und ist finde ich jetzt auch nichts schlimmes / dramatisches, das verändert ja nicht die Gesichtsstruktur oder das komplette Aussehen, denn zweiteres geht dann doch einen Schritt zu weit und sendet gerade an Jugendliche eine komplett falsche Botschaft.

    Und ich hoffe das klingt jetzt nicht schleimige: Aber ich wollte dir nach dem Beitrag unbedingt noch schreiben, dass ich dich wunderschön finde <3. Die Makel, die du nennst sehe ich nicht, aber auch das ist ja normal: Einem selbst springt das alles ins Auge, während andere das überhaupt nicht wahrnehmen und einen ganz einen Blick auf einen haben.

    Dankeschön für dein liebes Kompliment Vanessa, das freut mich zu hören :).
    Ich bin da bis heute froh, dass ich das durchgezogen und meinen Weg gegangen bin. Denn wie du schon sagst: Dass ist etwas was Eltern lernen müssen, dass sie ihr Kind gehen und eigene Entscheidungen treffen lassen – selbst falls man dann feststellt, dass der eigenschlagene Weg doch nichts für einen ist. Aber auch aus solchen Fehlern lernt man. Leicht war das definitiv nicht, weil ich erstmal mit vielen Klischees konftrontiert und mich ständig rechtfertigen musste. Aber irgendwann wurde das dann akzeptiert und man hat gemerkt, dass ich das richtige getan habe. Unterstützt haben sie mich dann sehr flott und tun das bis heute. Jetzt sind sie auch richtig stolz, dass ich mich da durchgesetzt hatte.

    • Kulturblazer

      Liebe Nicole,
      ich danke dir für deine Worte, die haben mich zum Strahlen gebracht! Ich freue mich darüber von Herzen, danke.
      Sich bewusst zu machen, dass wir uns teilweise mit unrealistischen Bildern vergleichen ist wirklich wichtig, aber selbst wenn ich das bewusst weiß, falle ich dennoch hier und da drauf rein. Genau wie du sagst: Es darf kein Dauerzustand sein.
      Mit meiner Narbe ist es genauso: Mal gibt es Tage, da nervt sie mich nur, aber an vielen Tagen bin ich auch irgendwie fast schon stolz, weil sie zeigt, wie stark mein Körper ist und welche Abenteuer er überstehen kann.
      Diese Filter sind echt krass, ich habe ihn auch nur einmal per Zufall irgendwo gesehen und ausprobiert. Es war wirklich so lächerlich, dass ich nicht wusste, ob das Menschen wirklich ernsthaft benutzen oder ob es mehr als Witz gedacht ist – bei ersterem wäre ich mir nämlich nicht sicher, wenn ich mich manchmal bei Instagram umsehe. Pickel kaschieren finde ich absolut ok, mache ich auch manchmal. Ich habe aber auch schon Stories gemacht, wo gar kein Filter eingesetzt war und ich ungeschminkt war (und vermutlich aussah wie 12 und krank, weil blass :D)

      Ich habe letztes einen Artikel in der Zeit gelesen, den fand ich sehr bezeichnend dafür: „Die stillen Aufträge der Familie“. Da ging es darum, dass Kinder oftmals ihre Eltern enttäuschen MÜSSEN, um sich selbst abzugrenzen und nicht die Aufträge und Erwartungen weiter zu tragen, die Eltern ihren Kindern bewusst oder unbewusst mitgeben – weil es darum geht, unsere eigenen Aufträge zu finden.
      Ich finde es sehr bewundernswert und stark von dir und umso schöner ist es, dass du in deinem Weg dann auch bestärkt wurdest – selbst wenn es etwas gedauert hat.
      Ganz viele liebe Grüße!

  • Silke

    Mir schwirren bei dem Thema immer viele Gedanken durch den Kopf. Wichtig finde ich, beim Begriff Body Positivity nicht nur die Eigenwahrnehmung miteinzubeziehen. Der Begriff kommt meines Wissens ursprünglich aus der Fat Activist Szene und in dieser macht er immer noch Sinn. Denn übergewichtige Menschen gelten bei vielen immer noch zu unrecht als faul und unambitioniert. Da reicht als Kontor ein „Ich stehe meinem Körper neutral gegenüber“ wahrscheinlich nicht aus, sondern man muss der Gesellschaft verdeutlichen, dass auch große Körper schön sind und eine Daseinsberechtigung haben. Dass man sich selbst nicht immer schön fühlt ist normal, aber in dem man als übergewichtige Person ein Instagrambild mit dem Hashtag Bodypositivity versieht, sagt man „Egal wie ich mich heute fühle, dieser Körper ist schön“. Ich lese hierzu gerade das Buch Happy Fat und kann es sehr empfehlen. 🙂

    Inzwischen ist der Begriff natürlich ausgeweitet worden, und umfasst auch Hautprobleme, Narben, Disabilities,… Das ist sicher nicht verkehrt, aber es kann auch nicht schaden mit einzubeziehen, wie der Begriff ursprünglich aufkam. Denn auch heute noch sehen es viele Menschen als Affront, wenn eine übergewichtige Person sich traut, zu ihrem Körper zu stehen. Ihn zu lieben ist dann oft sogar ein Akt der Rebellion.

    VG
    Silke

    • Kulturblazer

      Hi Silke,
      danke für deine Tipps und Hinweise zu den Begrifflichkeiten und deinem Buchtippp! Du hast recht, hier lohnt es sich dann noch weiter in die Thematik einzutauchen, um alle Aspekte entsprechend darzustellen. Das Thema ist sehr komplex, vielschichtig und facettenreich und ein Diskurs sollte daher möglichst viele Dinge einbeziehen, insbesondere Kontext und Historie. Gerade den letzten Punkt in deinem Kommentar finde ich sehr wichtig – dass es oftmals als ein „Akt der Rebellion“ verstanden wird, zeigt schon, dass wir hier noch sehr viel lernen und gemeinsam darüber sprechen dürfen.
      Vielen, herzlichen Dank für dein wertvolles, offenes Feedback – das schätze ich sehr!
      Liebe Grüße!

  • Nicole Kirchdorfer

    Boar…da stolpere ich über Dorie bei herein und sehe, dass Du, was ich in meinem letzten Beitrag ausdrücken wollte, in absolute Perfektion gepackt hast. Hatte ja keine Ahnung, dass ich mich mit BodyShaming befasse, weiß aber, dass ich es hasse und nur Energie verschwende.
    M.a.W. Kompliment. Perfekt geschrieben.
    Ein bisschen Pippi in den Augen war auch dabei, als Du von Deiner fast Blutvergiftung geschrieben hast. Mein Menne hatte neulich eine, die mich in Angst und Schrecken versetzt hat. Jetzt liegt er gerade auf der Couch und ich bin einfach froh und dankbar, dass die Ärzte und sein Körper dafür gekämpft haben noch hier zu sein. Der Körper ist echt ein Wunder und ich schelte den meinen so oft, dass es nicht mehr schön ist.
    Umso schöner, Dich entdeckt zu haben 😉
    Freue mich auf mehr.
    LG Nicole

    • Kulturblazer

      Liebe Nicole,
      wow, dein Feedback haut mich von den Socken, wirklich. Danke dir für dein tolles Feedback – mady my day 🙂 Es ist toll, dass du dich damit identifizieren kannst, wir sind alle nicht allein mit diesen doofen Gedanken und Gefühlen! Aber wir sind eigentlich ziemlich genial, wie wir sind, das vergessen wir nur leider mit diesem ganzen Sich-Vergleichen immer.
      Ich wünsche deinem Liebsten alles Gute und rasche Besserung, da leistet der Körper wirklich alles – Wunderwerk trifft es da schon ziemlich gut.
      Über einen Austausch mit dir freue ich mich sehr und nochmal ganz herzlich willkommen hier auf dem Kulturblazer 🙂
      Ganz viele, herzliche Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.